Mandelsplitter

Es war ein grauer, regnerischer Septembermorgen. Viel zu kalt für den erst dritten Herbsttag dieses Jahres. Als sie um sieben Uhr morgens das Haus verlassen musste, zeigte das Außenthermometer gerade einmal vier Grad an.

Mühsam schleppte sie sich zum Auto ihres Vaters, der zum Glück an diesem Tag dienstfrei hatte. Sonst wäre sie ganz alleine gewesen. Ihr Mann hatte kurz nach sechs Uhr das Haus verlassen, um pünktlich um halb sieben an seinem Arbeitsplatz in den Fiat-Werken zu erscheinen. Er verdiente dort nicht schlecht, ihr Mann. Sie hatte sich noch nicht ganz daran gewöhnt, ihn so zu nennen, sie waren erst seit ein paar Monaten verheiratet. Seit dem siebten April ganz genau.

Es war eine schöne Hochzeit gewesen, abgesehen davon, dass sie den ganzen Morgen über unter Übelkeit gelitten hatte, und nachdem sich alle im Trauungssaal eins des Amtshauses eingefunden hatten, erneut gegen einen heftigen Brechreiz ankämpfen hatte müssen, an ihrer linken Seite ihr Vater, rechts von ihr ihr Ehemann, daneben dessen Vater als Trauzeuge des Bräutigams.

Sie hatten es beide so gewollt. Beide Väter. Die Rolle als Trauzeugen einerseits und die Hochzeit als solches andererseits. Denn wäre es nach ihr oder ihrem Mann gegangen, dann hätte diese Trauung niemals stattgefunden. Sie hätte aus freien Stücken niemals dieses weiße Seidenkleid gekauft, das der damaligen Mode entsprechend zwei Hand breit über dem Knie endete und das nach Meinung ihrer zukünftigen Schwiegermutter vollkommen unpassend für einen solchen Anlass war. Mode hin oder her, ihre Schwiegertochter war schließlich im Begriff, in ein paar Monaten Mutter zu werden. Man sah ihr das zwar noch nicht an, sie fand ein solches Hochzeitskleid angesichts dieses Umstandes aber trotzdem unziehmlich. Wie sie ihre Schwiegertochter als Ganzes unpassend für ihren Jüngsten empfand. Er hätte sich ganz zweifellos eine bessere Partie verdient gehabt, ein Mädchen aus besserem Hause, nicht die Tochter einer Fabriksarbeiterin und eines  ungelernten Maurers. Aber was sollte man machen, das ließ sich nun wohl nicht mehr ändern. Die junge Frau war nun einmal schwanger geworden. Und ein uneheliches Kind in der Familie kam auf keinen Fall infrage. Schließlich wusste sie nur allzu gut, wie man mit unehelichen Kindern auch heutzutage immer noch umging, das hatte sie ja selbst am eigenen Leibe erfahren müssen. Nur hatte sie damals, vor fünfundzwanzig Jahren, keine andere Wahl gehabt. Doch diese beiden jungen Leute hatten eine andere Wahl, und auch wenn sich alle zwei anfangs heftig gegen eine Eheschließung gewehrt hatten, war es den beiden Familien mit vereinten Kräften doch gelungen, sie so so lange unter Druck zu setzen, bis sie schließlich zum Magistrat fuhren, um einen Termin für die standesamtliche Trauung festzusetzen.

Nein, die junge Frau hatte diese Hochzeit nicht gewollt. Wie ihr Mann war sie der Überzeugung gewesen, dass man ein Kind auch ganz ohne Trauschein großziehen konnte. Schließlich schrieb man das Jahr 1972. Überall auf der Welt herrschten Umbruchs- und Aufbruchsstimmung. Junge Menschen lehnten sich gegen gesellschaftliche Zwänge auf und streiften die veralteten Konventionsfesseln ab. Überall auf der Welt gelang es jungen Leuten, sich gegen die Wünsche und Moralvorstellungen ihrer Eltern aufzulehnen und durchzusetzen, nach ihren eigenen Vorstellungen und eigenen Überzeugungen zu leben.

Nur ihnen beiden war es nicht gelungen. Wohl weil sie beide einerseits keine großen Revoluzzer waren, andererseits weil sie von ihren Eltern finanziell abhängig waren. Ihr Mann verdiente zwar recht ordentlich als Schlosser, und sie selbst hatte auch einen recht gut bezahlen Job, aber den hatte sie ab dem siebten Schwangerschaftsmonat aufgeben müssen. Und auch wenn sie mehr Geld zur Verfügung gehabt hätten, wäre da immer noch das Problem mit der Wohnung gewesen. In Wien mangelte es zwar nicht an neuen Bauprojekten, es dauerte aber trotzdem Jahre, bis man endlich eine leistbare Gemeindewohnung zugewiesen bekam. Man musste auch einen Vormerkschein für eine solche Wohnung haben. Doch um wirklich eine reale Chance auf eine Zuerkennung zu haben, musste man auf jeden Fall verheiratet sein. Und ihre Eltern hatten ihnen auch mehrmals unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass sie sie nur als Eheleute während dieser Wartezeit bei sich aufnehmen würden, Kind hin oder her. Was würden die Nachbarn sagen, wenn sie ihnen erlauben würden, in wilder Ehe zu leben!

Das alles ging ihr durch den Kopf, als sie mit ihrem Vater, dem Einzigen in der Familie, der an diesem Vormittag für sie Zeit hatte, in dessen klapprigen, doch wie immer penibel blankgeputzten und hochglanzpolierten Lada in Richtung Frauenhospiz unterwegs war.

Die Wehen kamen in immer kürzeren Abständen. Eigentlich hätte das Kind schon vor Tagen zur Welt kommen sollen. Die Ärzte hatten ihr in Aussicht gestellt, dass sie nun nicht mehr allzu lange zuwarten konnten und eventuell die Schwangerschaft einleiten mussten, sollte es bis zum ersten Oktober nicht auf natürlichem Wege so weit sein. Aber nun hatten sie doch endlich eingesetzt, die verdammten Wehen.

Die Fruchtblase war geplatzt, als sie am Morgen auf dem Weg ins Badezimmer gewesen war, um sich die Zähne zu putzen. Daraufhin hatte ihr Vater ihr Waschzeug, ein paar Handtücher, Nachthemd und Morgenmantel in ihre kleine Reisetasche gepackt und ihr beim Anziehen geholfen. Dabei war er so nervös gewesen, dass er, als er den Mantel von der Garderobe holen wollte, den Plastikkleiderbügel abgebrochen hatte. Fluchend hatte er ihn auf dem Vorzimmerboden liegen lassen. Ganz gegen seinen überdurchschnittlich ausgeprägten Ordnungssinn, den sie offen als Pedanterie bezeichnete.

Danach hatte er die Türschlüssel nicht finden können. Die hatte seine Frau sicher wieder irgendwohin gelegt, wo sie nicht hingehörten, hatte er vor sich hergeschimpft. Endlich hatte er sie in seiner Sakkotasche entdeckt und sie hatten zum Auto gehen können, wobei er auf halbem Weg noch einmal umkehren musste, um den Autoschlüssel zu holen, der auf dem Küchentisch liegen geblieben war.

Das war ihm bei seinen eigenen Kindern nicht passiert. Wenn er es recht bedachte, war er bei den Niederkunften seiner Frau gar nicht zu Hause gewesen. Das erste Mal war er mit Reparaturarbeiten am Dach eines Freundes, der ihm dafür eine bescheidene Entlohnung geboten hatte, beschäftigt gewesen. Beim zweiten Mall hatte er gerade auf dem Feld seiner Schwägerin gearbeitet. Hatte den verfluchten Kartoffelacker umgepflügt. Die Arbeit war vorgegangen zu jener Zeit, knapp nach dem Krieg, man war froh gewesen, überhaupt Arbeit gefunden zu haben, und jeder dabei verdiente Schilling war mehr als willkommen gewesen, vor allem wenn man noch zwei zusätzliche Mäuler zu stopfen hatte.

Doch er hatte seine Kinder immer geliebt, egal was die Leute damals dazu zu sagen gehabt hatten. Und er war froh darüber, dass es seiner Schwägerin nicht gelungen war, seine Frau davon zu überzeugen, seine Tochter „wegmachen“ zu lassen und ihn, diesen dahergelaufenen Habenichts und Tunichtgut, auf keinen Fall zu heiraten. Sie hatte sich zum Glück trotz all der Widrigkeiten dazu entschlossen, ihn zum Ehemann zu nehmen und das Kind zu behalten. Er, der wirklich ein dahergelaufener Habenichts gewesen war. Gerade einmal neunzehn Jahre alt damals und einen Großteil seines Lebens auf der Straße gelebt. Er hatte sich als Saisonarbeiter durchschlagen müssen, hatte in Scheunen, Baracken oder Waschküchen geschlafen. Hatte kaum mehr besessen als das, was er auf dem Leib getragen hatte.

Wahrscheinlich war es Mitleid gewesen, als sie ihm in jener Nacht erlaubt hatte, das Bett mit ihr zu teilen. Und er war ihr unendlich dankbar dafür, dass sie immer zu ihm gestanden hatte, sie als Einzige in seinem Leben, die immer für ihn dagewesen war und ihn nie im Stich gelassen hatte.

Es war ihm bewusst, dass er diese Dankbarkeit niemals gezeigt hatte. Im Gegenteil. Er hatte ihr sogar sehr oft Anlass dazu gegeben, ihn zu verlassen und die Kinder mitzunehmen, doch sie hatte es zwar stets angedroht, aber dann letztendlich doch niemals getan, und war trotz spürbarer Wut und Verbitterung bei ihm geblieben. Mit seinen Kindern, die er über alles liebte. Vor allem seine Tochter, die sich seiner Liebe aber wahrscheinlich gar nicht bewusst war, denn er war kein Mensch, dem es leicht fiel, seine Gefühle zu zeigen. Er tat sich überhaupt schwer damit, Zuneigung zu bekunden und zuzulassen.

Aber bei seinem Enkelkind würde er alles anders machen. Egal ob Junge oder Mädchen. Er würde dafür sorgen, dass es dem Kind an nichts fehlte. Es sollte nur die allerschönsten Spielsachen bekommen, die besten Kleider, und er würde den Kinderwagen kaufen, das würde er sich auf keinen Fall nehmen lassen. Da konnte sich die Familie seines Schwiegersohns noch so querlegen. Mochten sie vielleicht auch mehr Geld haben als er, waren sie doch nichts Besseres, und er würde derjenige der Großeltern sein, der die meiste Zeit mit dem Kind verbringen würde. Jetzt, wo er seit kurzem diesen neuen Schichtplan hatte, einen Tag durchgehend vierundzwanzig Stunden Dienst und danach achtundvierzig Stunden frei, würde ihm das möglich sein. Und er würde bei seinem Enkelkind das nachholen, was ihn in jungen Jahren die Arbeit bei seinen eigenen Kindern versäumen lassen hatte.

Er war so aufgeregt und in seine Gedanken vertieft, dass er beim Einbiegen in die Zufahrtsstraße zum Spital beinahe ein entgegenkommendes Auto rammte. Wütend kurbelte er das Seitenfenster herunter und beschimpfte den Fahrer des anderen Fahrzeugs, ein himmelblauer CV, wobei er ihm mit geballter linker Faust drohte.

„Du Idiot“, schrie er. „Kannst du denn nicht aufpassen?! Meine Tochter hat die Wehen. Sie muss dringend in die Klinik. Also blockiere hier nicht die Straße! Schieb schon zurück, du Idiot, ich kann sonst nicht vorbei!“

Dann drehte er sich zu seiner Tochter und schimpfte lautstark weiter.

„Ja, glaube ich das? Bleibt der einfach mit seinem Kübel da stehen wie eine Kuh auf der Weide!“

Noch einmal beugte er sich aus dem immer noch heruntergekurbelten Fenster und schrie dem anderen Fahrer tausend Verwünschungen entgegen.

„Zurückschieben sollst du, habe ich gesagt, damit ich hier einbiegen kann! Stellst du dich absichtlich so dumm, oder willst du mich einfach nur ärgern?“

Wild gestikulierend versuchte er, seinen Worten Nachdruck zu verleihen.

Endlich begriff der Fahrer des CV, ein Mann jenseits der siebzig, was der andere von ihm wollte, und legte den Rückwärtsgang ein. Bei dem Versuch, bergauf zurückzuschieben, würgte er den Motor seines Wagens allerdings einige Male ab, und erst beim vierten Anlauf gelang es ihm, soweit zurückzusetzen, dass der der mittlerweile schon bis zur Weißglut gereizte werdende Großvater in die Zufahrtsstraße zum Spital einbiegen und seine Fahrt fortsetzen konnte. Direkt vor dem Haupteingang, in der Halte- und Parkverbotszone, brachte er den Wagen zum Stehen und half seiner Tochter beim Aussteigen. Er schnappte die kleine rote Reisetasche vom Rücksitz und begleitete sie zur Aufnahme.

Aus: Cara Roth „Mandel hat den Blues“, Erscheinungsdatum steht noch nicht fest

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Mandel was not amused. Nein, er war überhaupt nicht begeistert davon, verreisen zu müssen. Schon gar nicht im Juli, mitten im Sommer, bei Temperaturen um gefühlte 50 Grad Celsius. Und dann auch noch mit dem Flugzeug.

Er hasste das. Nicht das Fliegen an sich, sondern die Tatsache, mit hundert anderen auf engstem Raum zusammengepfercht zu sein, in ein paar tausend Metern Höhe. Gefangen in einem fliegenden Käfig mit völlig Fremden, gelangweilten Geschäftsreisenden, beschwipsten Ehemännern,  nörgelnden Ehefrauen, lauthals schreienden Kindern.

Er verreiste, wenn es denn unbedingt sein musste, am liebsten mit einem Transportmittel, das sich am Boden fortbewegte, damit er, notfalls auch während der Fahrt, jederzeit abspringen konnte, aber eigentlich wirklich gerne nur in seinem eigenen Auto, in dem er sich von der Außenwelt abschottete. Herr der Lage und des Lenkrads sein und bestimmen zu können, wo es langging und in welcher Geschwindigkeit, war ihm wichtig. Er fühlte sich nicht wohl, wenn er anderen das Steuer überlassen musste.

Auch seinem Kollegen Weißenberger, mit dem er nun schon so viele Jahre zusammenarbeitete und mit dem ihn auch außerhalb des Kommissariats eine Art Freundschaft verband, erlaubte er nur in seltensten Fällen, den Wagen zu fahren, wenn sie sich zu einem Tatort begaben oder im Rahmen einer Ermittlung unterwegs waren, egal ob es sich dabei um Mandels eigenen Wagen oder den seines Kollegen handelte. Aber der, besagter Kollege Weißenberger, würde ja nun genauso wie er gleich in der fliegenden Hölle gefangen sein.

Auch so eine Schnapsidee. Urlaub mit seinem Kollegen zu machen, mit dem er ohnehin jeden Tag mehr Zeit verbrachte als mit irgendeinem anderen Menschen. Abwesenheit steigert die Sympathie!, pflegte Mandel zu sagen.

Er schätzte seine Kollegen, er liebte seinen Job als Kommissar, aber seine spärliche Freizeit verbrachte er am liebsten alleine. Mit einem Glas Whisky und einer guten Zigarre. Vor seinem Kamin oder im Sommer im Garten. Bestenfalls bei seiner Nachbarin, Frau Schulz, aber auch nur deshalb, weil sie so gut kochte, wie seine eigene Mutter das gemacht hatte, und weil sie, wider Erwarten, nicht ganz so schwatzhaft war wie andere Frauen ihres fortgeschrittenen Alters. Und Männer, musste er sich eingestehen. Auch die konnten schwatzhaft ohne Ende sein. Wenn er da allein schon an seinen Onkel Franz dachte …

Mandel schüttelte den Gedanken an Onkel Franz ab. Er musste zugeben, seine Nachbarin war sogar durchaus ziemlich schlau und gewitzt. Sie verfügte über Menschenkenntnis und Lebenserfahrung, und wenn er manchmal bei einem Fall an einem Punkt angekommen war, an dem er nicht so recht weiterkam, und zu viele Fäden vor ihm lagen, die es zu entwirren gab, dann ließ er sich gerne von ihr auf einen Kaffee mit Kuchen oder auch ein deftiges Mittagessen einladen, bei dem er gleichzeitig seine Seele ein wenig baumeln lassen und den Fall mit ihr besprechen konnte.

Nicht nur einmal hatte sie ihm dabei auf die Sprünge geholfen, wo er selber nicht weiter fand, weil er sich zu sehr in Details verbissen hatte, während sie immer das große Ganze sah.

Sie hätte eine brillante Kriminalkommissarin abgegeben, seine Nachbarin, Frau Schulz, aber es war ihm lieber, dass aus ihr eine gute Köchin und lebenskluge Frau geworden war, auch wenn er genau wusste, dass das ziemlich egoistisch und vor allem sexistisch war.

Trotzdem war es so, und trotzdem war er beim Denken und in seiner Freizeit lieber alleine. Aber das würde Maria, seine geliebte Ehefrau, nie verstehen. In hundert Jahren nicht. Und deshalb stand er jetzt hier auf dem Flughafen Wien-Schwechat mit all diesen Menschen, die er allesamt im Geiste sonstwohin schickte …

Aus: Cara Roth, „Mandel im Nebel“, genaues Erscheinungsdatum noch nicht bekannt

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