Aus Caras Nähkästchen

Wien, 27.5.2017

Fünf Monate waren vergangen, seit sie einander das letzte Mal gesehen hatten. In jenem August. In jenem Sommer, der kein richtiger Sommer gewesen war. Sie hatte ihn nicht vermisst in all der Zeit. Keine Sekunde lang. Warum auch. Sie hatte ihm ja gesagt, er solle sich zum Teufel scheren. Und er hatte ihrem Wunsch gehorcht.

Ob sein Leben in der Zwischenzeit die Hölle oder der Himmel gewesen war, war ihr eigentlich völlig egal gewesen. Sie hatte ihr eigenes Leben zu leben gehabt. Und das war turbulent und aufregend genug gewesen in all der Zeit. Ihr war es ziemlich gut gegangen, sie hatte ihr Leben so intensiv gelebt wie auch zuvor. Wozu aber hoffen, dass es ihm genauso gut ging wie ihr?

Dass sie ihn zum Teufel gejagt hatte, war ohnehin seine Schuld gewesen. Er hatte alles kaputt gemacht. Mit seinem idiotischen Verhalten ihr gegenüber. All die schönen Stunden, die sie miteinander verbracht hatten, diese lauen Sommernächte, in denen sie sich so heftig geliebt hatten, so leidenschaftlich, so intensiv, sie waren mit einem Schlag bedeutungslos geworden für sie. Eine nette Erinnerung bestenfalls, ein schönes Foto fürs Album, das sie sich in vielen Jahren vielleicht einmal anschauen würde. Oder auch nicht.

Warum sie all die Monate an ihn verschwendet hatte, wusste sie ohnehin nicht mehr. Er war es eigentlich nicht wert gewesen. Obwohl sie wusste, dass er immer ehrlich zu ihr gewesen war, so hatte sie doch gespürt, dass er es nie ganz gewesen war. Das hatte sie stets gekränkt. Und immer wenn sie eine besonders schöne Nacht miteinander verbracht hatten, zog er sich am Tag darauf wieder zurück, ging ihr aus dem Weg, oft für Wochen. Das machte sie rasend. Es erinnerte sie zu sehr an den anderen, an den Einen, an den sie nicht mehr hatte denken wollten, aber immer wenn sie beide eine Nacht miteinander verbracht und er sich dann genauso verhalten hatte wie jener damals, dann hatte sie an jene Zeit zurückdenken müssen. Und das hatte sie noch rasender gemacht.

Es war also mehr als gut, dass er aus ihrem Leben verschwunden war, jemand anderen gefunden hatte in der Zwischenzeit auch, jemanden, mit dem er nun glücklich sein konnte. Oder auch nicht. Es war ihr herzlich egal.

Und letztendlich wusste sie auch, dass er sowieso keine andere finden würde, mit der es schöner sein würde als mit ihr. Sie mochte vieles aus der Zeit mit ihm absichtlich verdrängt haben, aber ihre letzte gemeinsame Nacht, jene heiße Augustnacht, in der sie nicht hatte schlafen können, weil alles so intensiv gewesen war, weil sie keine Sekunde davon hatte mit Schlafen vergeuden wollen, jene Nacht würde sie nie vergessen können.

Sie zündete eine Kerze an, schenkte sich ein Glas von dem Wein ein, den sie in jener Nacht getrunken hatten, löschte alle anderen Lichter aus und machte es sich auf dem Bett bequem.

Der Wein war gut gekühlt und schmeckte so herrlich fruchtig und einladend. Wie seine Lippen. Sie genoss Schluck für Schluck, ließ sich jeden einzelnen davon auf der Zunge zergehen. So wie sie sich den Geschmack seiner Haut auf der Zunge zergehen lassen hatte, wenn sie seinen Körper entlanggeleckt hatte. Vom Hals abwärts. Ganz langsam. Um ja nichts zu verpassen. Und um seine Lust zu steigern. Ganz langsam.

Von all den Liebhabern, die sie in ihrem Leben gehabt hatte, war er wohl derjenige gewesen, der sie am meisten genossen hatte. Weil er sich einfach fallen lassen konnte, weil er sich nie wehrte, egal was sie mit ihm anstellte. Und dabei doch nie passiv war, sondern sie immer mit sich in den Sog der Lust hineinriss.

Wenn sie ehrlich zu sich war, dann war er auch der Einzige gewesen, der sie schon in einen Sog der Lust hineingerissen hatte, wenn sie alleine nur an ihn dachte. Seine körperliche Anwesenheit war dazu gar nicht nötig gewesen, war es auch jetzt nicht, als sie hier ganz entspannt auf ihrer Matratze saß, das leere Weinglas auf das Fensterbrett über ihrem Bett stellte und sich danach in ihre Kissen zurückfallen ließ.

Es war warm im Zimmer, so wie damals in ihrer letzten gemeinsamen Nacht. Sie schloss die Augen und erlaubte ihren Gedanken, auf Zeitreise zu gehen. Spürte, wie er den Gürtel ihres Kimonos aufband und mit seiner Hand über ihren Bauch streichelte. Sah, wie er sie anlächelte, bevor er sich zu ihr hinunterbeugte und ihre Brüste küsste. Jeder einzelne dieser Küsse brannte heißer als das Höllenfeuer, und genau dorthin war er jetzt wieder im Begriff, sie zu werfen, als er sie zu sich hoch- und ihr den Kimono auszog. Er wollte sie nackt, damit sie ungeschützt war und sich jede seine Berührungen und jeder seiner Küsse in ihre Haut einbrennen konnten. Er wusste genau, was er damit bei ihr auslöste, und er genoss es unendlich.

Manchmal, wenn sie es trotz der Ekstase, in die sie sich aufgelöst hatte, geschafft hatte, ihre Augen zu öffnen und ihm einen Blick zuzuwerfen, da hatte sie dieses teuflische Blitzen in seinen Augen sehen können, dieses diabolische Lächeln auf seinen Lippen, die so süß und fruchtig schmeckten wie der portugiesische Wein, von dem sie auch nie genug kriegen konnte. Er hatte es genossen, diese Macht über sie zu haben, weil er genau gewusst hatte, dass sie noch nie ein anderer vor ihm gehabt hatte, und sie hatte es genossen, dass er so empfunden hatte, weil es ihr gleichzeitig Macht über ihn verliehen hatte.

Sie hatte ihm diese Macht eingeräumt, weil er so viele Dinge in ihr ausgelöst hatte, sie damit glücklich gemacht und inspiriert hatte, gewährte sie ihm auch in diesem Moment der Lust, den sie gerade empfand. Die Macht, die er über sie hatte, obwohl er gar nicht da war.

Sie lag nackt auf ihrem Bett, bereit für mehr Berührungen und Küsse, bereit ihn völlig in sich aufzunehmen. Sie lächelte ihn an und zog ihn ganz tief an sich heran. Mit seiner ersten Bewegung begann sich das Zimmer um sie herum zu drehen, die Welt wurde von Minute zu Minute mehr zum Karussell, um dann plötzlich stehenzubleiben und bedeutungslos zu werden. Als sie die Augen wieder öffnete, strahlten die Grautöne der Nacht in allen Farben des Regenbogens, erzählten tausend Geschichten. Zwischen all dem Bunt nahm sie endlich auch seine Augen wahr, die sie anschauten. Ein Ausdruck, den sie noch nie zuvor an ihm gesehen hatte, eine Mischung aus ungläubigem Staunen und dem plötzlichen Glauben an unendliche Freuden. Sie brauchte auch keinen weiteren Gedanken daran zu verschwenden, weil sie genau dasselbe empfand.

Die Erde begann sich wieder zu drehen, und sie grub ihre Fingernägel tiefer in seinen Rücken, um einen besseren Halt zu bekommen, klammerte ihre Beine noch fester um seine Hüften.

Plötzlich beugte es sich zu ihr hinunter und legte seine Wange auf ihre.

„Ich wünschte, ich könnte für immer so daliegen, für den Rest meines Lebens“, flüsterte er ihr ins Ohr.

„Es fühlt sich an, als wäre es mein erstes Mal, als hätte es die anderen vor dir nicht gegeben“, erwidert sie. Und obwohl sie wusste, dass sie diesen Satz nicht nur in jener Augustnacht zu ihm gesagt hatte, sondern schon einmal davor in ihrem Leben, nämlich diesem Einen, den anderen, an den sie nie wieder, und in diesem Moment schon gar nicht, denken wollte, meinte sie ihn trotzdem genau so.

Es war heiß geworden in ihrem Zimmer. Sie spürte die Hitze, obwohl es Ende Februar war, die Nacht vor ihrem Fenster eiskalt und sie völlig nackt auf ihrem Bett ausgestreckt. Er hatte die kalte Februarnacht in eine Augustnacht verwandelt.

Er hatte diese Macht über sie. Immer noch. Obwohl er längst aus ihrem Leben verschwunden war, sich längst zum Teufel geschert hatte. Obwohl sie schon fünf Monate lang nichts voneinander gehört hatten.

Zum Glück war er ihr völlig egal geworden in all der Zeit, sodass dieses Aufwallen der Vergangenheit ihr nichts anhaben konnte, sie diese erotische Erinnerung als das betrachten konnte, was sie war: eine Eskapade, die bereits im Morgengrauen bedeutungslos geworden sein würde.

Ihr Kimono lag auf dem Boden. Er hatte ihn wohl dorthin geworfen, wie damals, als es ohnehin zu heiß und es viel besser gewesen war, nackt zu sein. Auch diese Nacht war es viel zu heiß, deshalb beschloss sie, ihn auch jetzt dort liegenzulassen und nackt zu bleiben und sich stattdessen lieber noch ein Glas Wein einzuschenken.

Sie genoss ihn, den Wein, Schluck für Schluck, und lächelte dabei. Er hätte auch gelächelt, es auch teuflisch genossen, wenn er in diesem Moment gewusst hätte, welche Macht er immer noch über sie besaß. Zum Glück wusste er es nicht.

Das Klingeln ihres Smartphones riss sie aus ihren Gedanken. Sie hatte wohl eine Textnachricht bekommen. Der Klingelton irritierte sie. Sie hatte diesen Ton nur einem zugeordnet, und der hatte sich vor fünf Monaten zum Teufel geschert.

Irritiert nahm sie das kleine schwarze Gerät in die Hand, um dem Irrtum auf die Spur zu kommen.

„Ich musste gerade an Dich denken“, stand da. „Ich weiß nicht warum. Aber ich dachte, vielleicht hast Du auch gerade an mich gedacht. Weil es ja oft so ist, dass wir im selben Moment aneinander denken. Vielleicht hast Du ja auch nicht gerade an mich gedacht. Aber ich wollte Dich wissen lassen, dass ich seit kurzem wieder Single bin, und … naja, ich würde Dich einfach gerne wiedersehen, wenn Du das auch willst. Ich dachte einfach, Du würdest Dich freuen, wieder von mir zu hören.“

Scher dich zum Teufel!, war das Einzige, was sie dachte, und sie lächelte dabei, weil sie wusste, dass sie immer noch diese Macht über ihn hatte. Dann nahm sie das Smartphone erneut in die Hand und begann, ihm eine Antwort zu schreiben …

Mateus

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Wien, 29.1.2017

Die Macht des Kusses. Manchmal sagt ein Kuss mehr als tausend Worte. Manchmal sagt er gar nichts, sondern spricht für sich selbst, steht einfach nur für das, was er ist: ein Kuss. Manchmal steht hinter dem Kuss Liebe, und trotzdem bringt er vorhandene Gefühle nicht richtig zur Geltung, kann nicht ausdrücken, was er eigentlich sollte. Manchmal passiert ein Kuss aus einer Laune heraus, aus reiner Abenteuerlust und Neugier, ist aber dennoch so voller Zärtlichkeit und Gefühl, so intensiv und hingebungsvoll, als wäre er zwischen zwei Liebenden passiert. Und der Reiz des gesamten Spiels dreht sich plötzlich nur noch um den Kuss.

Zungen sind dazu gemacht, Wörter zu formulieren und sich damit verständlich zu machen, manchmal müssen sie aber gar nichts sagen, und drücken sich so viel effektvoller aus. Machen Wörter und verschiedene Sprachen irrelevant. Und manchmal – ganz selten – liegt der Reiz eines solchen Kusses in einem simplen Sich-Berühren von Lippen, ganz zärtlich, ganz weich, dieses Einander-nur-leicht-Spüren erscheint einem süßer als das vollkommene Eins-Werden. Die Erde steht still, doch die Zeit läuft trotzdem weiter. Man möchte sie aber gerne aufhalten und ertappt sich dabei, wie der Kopf die berühmten Worte formuliert: Oh, Augenblick, verweile!

Manchmal darf man einen Kuss durchaus als perfekt bezeichnen. Wenn er einfach nur glücklich macht und erfüllt, ohne gleich bedeutungsschwer und symbolisch daherkommen zu müssen. Wenn er einen erschauern lässt und gleichzeitig das Gefühl absoluter Entspannung vermittelt. Wenn er einen innerlich und äußerlich wärmt, selbst im kältesten Winter. Wenn man die Zeit anhalten und sich ihm endlos hingeben will. Und vor allem wenn man weiß, dass man die berühmten Worte aussprechen darf, ohne dabei seine Seele an den Teufel verloren zu haben.

Manchmal ist ein Kuss auch ein Reset seines früheren Gefühlszustandes. Er macht Vergangenes vergessen und entbehrlich. Große Lieben und problematische Musen werden aus dem emotionalen Gedächtnis getilgt. Innerhalb von Minuten. Ein unendlich schönes Gefühl von Freiheit, Erleichterung und Unbeschwertheit. Man merkt es nicht sofort, doch wenn man es merkt, dann macht einen die Erkenntnis umso glücklicher. Emotionaler Nullzustand. Selige Gleichgültigkeit dem Alten gegenüber. Etwas, das man noch vor kurzem für unmöglich und unvorstellbar gehalten hatte. Man neigt dann auch überschwänglich dazu, diesen Kuss als idealen Glücksfall zu bezeichnen. Als ein gefühlvoll-zärtliches, emotionsfreies, pures Vergnügen zum Zwecke der Ausschaltung von emotionalen Ballasten also. Der ebenfalls berühmte Widerspruch in sich selbst, aber dennoch möglich. Aber dennoch möglich?

Die Macht des Kusses. Man sollte nicht immer alles analysieren und infrage stellen (obwohl man weiß, dass es Auswirkung auf seine zukünftige Arbeit als Schriftstellerin haben wird), sondern vieles einfach nur hinnehmen und genießen, was es bei einem bewirkt hat. Und die berühmten Worte trotzdem aussprechen dürfen. Aus reiner Sehnsucht und Verlangen nach schönen, seltenen und deshalb so sehr kostbaren Momenten und Begegnungen. Aus purer Lust am Leben.

kuss

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Wien, 22.1.17

Ich weiß, ich hab mich in letzter Zeit rar gemacht, was Wortmeldungen betrifft. Aber es wird eh so viel geschrieben hier, vor allem Politisches, da muss ich ja nicht auch noch. Und abgesehen davon habe ich jetzt einen neuen Liebhaber, einen Amerikaner. Der nimmt meine Aufmerksamkeit in Anspruch. Körperlich und geistig.
Ich hatte ja schon einmal einen amerikanischen Liebhaber. Ewig her. Als ich dem begegnete, war auch gerade ein eiskalter Jänner. Und viel Schnee. Irgendwo sind wir uns dann im Schneetreiben hier in Wien über den Weg gelaufen.
Er war Drehbuchautor, hatte einige Zeit in Hollywood gearbeitet – war auch Kalifornier -, konnte dort aber nicht so richtig Fuß fassen und ist deshalb in die Politik gegangen. Er wurde Republikaner und engagierte sich sehr in Schwarzeneggers erstem Wahlkampf ums Govenor-Amt. Danach begann er, für die UNO zu arbeiten.
Damals war ja gerade 9/11 überstanden, George W. aber noch lange nicht, und der Irak-Krieg stand vor der Tür. Jedes Mal wenn wir uns trafen, diskutierten wir heiß über Saddams chemisches Waffenarsenal und darüber dass wir Europäer den Amerikanern eines Tages noch die Füße küssen würden, weil sie uns vor dem bösen Diktator gerettet haben würden. Wieder mal.
Er selber war in Argentinien geboren worden, seine Eltern waren Europäer, aus dem Baskenland und aus Bosnien. Er arbeitete auch sehr engagiert im Bereich Flüchtlinge und hat mir da ein eindrückliches Bild über die Arbeit vermittelt. Das war ein Charakterzug, den ich sehr an ihm mochte. Er selber mochte allerdings „uns“ Juden nicht besonders. Wegen der Hollywood-Sache, weil sie ihn missverstanden haben wohl, und überhaupt. Er mochte auch keinen schottischen Whisky, mein Lieblingsgetränk, sondern schwor auf guten amerikanischen Bourbon. Der schmeckt mir aber nicht.
Als guter Republikaner mochte er natürlich auch Waffen. Er selber hatte ein sehr großkalibriges Teil, hat damit aber nie ins Schwarze getroffen. Vor allem, weil er ein sehr unkreativer Typ war. Für einen Drehbuchautor. Und als Liebhaber. Und überhaupt. Was sehr schade war, denn er war so redegewandt, sprach so ein schönes, völlig akzentfreies Englisch. Amerikanisches Englisch versteht sich. Die verbesserte, generalüberholte europäische Version. Aber die besten Werkzeuge nützen nichts, wenn man damit nichts anfangen kann. Nach und nach dämmerte mir dann auch, warum das mit Hollywood nicht geklappt hatte, dass das vielleicht nicht an „uns“ Juden gelegen hatte. Aber jeder hat so seine Vorurteile. Ich habe selber derer genug.
Einmal übernachtete ich bei ihm in der Wohnung. Aber nur einmal. Denn in jedem Zimmer hing eine amerikanische Flagge und mindestens ein Bild vom Präsidenten und dem Governator. Ich sagte ihm, dass ich keinen entspannten Sex haben könne, wenn mir George W. und Arnie dabei zusähen.
Als ich dann noch einige andere „eigenartige“ Dinge über ihn herausfand, machte ich Schluss. Ewig danach lief ich noch rum und sagte: Oh, mein Gott, ich habe einen Republikaner gevö…!“ Und musste dabei stets an Maria Shriver denken und wie sie das wohl aushält. Und ewig sagte ich auch: „Nie wieder ein Amerikaner!“ (Aber das sage ich ja über die Schweizer Männer auch jedes Mal.)
Nun ist mir aber dieser andere Amerikaner über den Weg gelaufen. Er ist Demokrat übrigens. Und aus Ohio. Und macht hier in Wien gerade seinen Doktor in Philosophie. Als er mich das erste Mal zu Hause besuchte, fragte er mich, was er mitbringen soll. Ich sagte Whisky, aber schottischen. Er hat schottischen Whisky gebracht. Er sagt, der schmecke ohnehin am besten.
Wenig ist so inspirierend wie schottischer Whisky und gute Gespräche über Politik, Religion, Gesellschaft und das gute Wiener Essen mit einem amerikanischen Philosophen. Ich genieße das alles und schreibe jetzt wieder sehr viel. Ich liebe diese produktiven Phasen.
Aufgrund dieser neuen Begegnung und dieser Trump-oh-Donald-Sache musste ich aber auch wieder an den „anderen“ Amerikaner denken. Diese Gegensätze. Und dass die Welt als Ganzes bipolar gestört ist. Man ist entweder weiß oder schwarz. Und wenn man das nicht will, ist man bunt. Dann ist man aber auch schon wieder was, was man vielleicht gar nicht sein will. Es scheint schwierig zu sein. Wir Europäer zeigen jetzt auch gerne mit den Fingern entsetzt nach Amerika und haben selbst viel schlimmere Figuren erlebt. Aber es ist so praktisch ablenkend. Man könnte das auch dauernd betonen. Es scheint aber sinnlos und muss einem auch teilweise ein wenig egal sein, sonst dreht man durch. Man muss sich mehr um sein eigenes Glück kümmern und um das derjenigen, die einen unmittelbar umgeben.
Ich kümmere mich jetzt wieder mehr ums Schreiben und lasse mich dazu körperlich und geistig inspirieren. Hochphilosophisch. Amerikanisch. Und Schottisch.
God save the Queen and bless America! And to all of you that might not be blessed or saved and will – like me – probably only be f***ed, see you in hell then!

whisky

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Wien, 31.10.16

Manchmal braucht es länger, bis eine Romanidee ausgereift ist. In diesem besonderen Fall hat es zwanzig Jahre gedauert, bis sich Steinchen um Steinchen zusammengefunden haben, um ein Gesamtbild zu ergeben. Aber jetzt ist es im Kopf fertig gemalt und „Lucius Damien“ wurde geboren.

Das erste Mal daran gedacht, einen Roman abseits meiner „üblichen“ Pfade zu schreiben (und ich schreibe „üblich“ jetzt deshalb in Anführungszeichen, weil es ein Üblich bei mir eigentlich gar nicht gibt) hatte ich Mitte der 90er Jahre beim Autofahren. Es war ein strahlender Morgen, ich fuhr mit meinem Mazda 626 auf der Donauuferautobahn in Richtung meinem Büro. Nachts davor hatte ich Agatha Christies „Mord im Pfarrhaus“ fertiggelesen und war von mir und Agatha Christie enttäuscht, weil ich einerseits der festen Meinung war, dass nur dieser Eine als Mörder infrage gekommen wäre, und ich so weit daneben gelegen hatte, und andererseits von der Autorin, weil ich gerne gewollt hätte, dass Agatha Christie genau diesen Einen zum Mörder gemacht hätte. Der ganze Roman wäre dann noch um so vieles genialer gewesen, als er es ohnehin schon ist.

Im Grunde war es aber auch nicht so sehr die Person des Mörders, die den Unterschied für mich ausgemacht hätte, sondern es war das Stilmittel des „unzuverlässigen Erzählens“, das mich so gereizt hat. Ich wollte unbedingt einen Krimi aus der Ich-Perspektive eines in die Handlung Involvierten schreiben, es erschien mir unglaublich reizvoll. Beim Nachdenken darüber, aus Sicht welcher Person, war mir schnell klar, es musste so sein, wie ich es bei Agatha Christie gerne gehabt hätte. (Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten!)

Jahre vergingen. Ich arbeitete viel. Im Marketing, als Übersetzerin und als Lehrende. Ich schrieb auch viel, habe einige Romane, Erzählungen und Kurzgeschichten publiziert, aber diese eine Romanidee lag immer auf Eis.

Aufgegriffen habe ich sie erstmals erneut, als ich vor zwei Jahren mit Muse 1.0 in meinem Büro saß und mich mit ihm über Bücher unterhielt. Muse 1.0 ist ein eifriger Leser. Muse 1.0 war auch ein ehemaliger Schüler von mir (siehe „Die Muse. Eine erotische Reise“). Und ich bin sehr stolz auf ihn, dass er in Deutsch mit einem „Sehr gut“ maturiert hat, und sehr stolz auf mich, dass ich ihn mit meiner Liebe zur Literatur anstecken konnte. Muse 1.0 war vor allem aber jemand, der mir viele Jahre sehr nahe stand, mit dem ich über alles reden konnte und der mir unglaublich viele Ideen für literarische Projekte in den Kopf gepflanzt hat, und an jenem Abend kam mir plötzlich diese uralte Romanidee wieder in den Sinn.

Wir erörterten die Möglichkeit des „unzuverlässigen Erzählens“ und wie weit man es damit treiben könne. Dabei sprachen wir darüber, dass man auch im wahren Leben jedem Menschen immer alles zutrauen müsse, im Guten wie im Bösen, weil man nie wisse, wie man selbst in einer Extremsituation reagieren würde, und wozu man fähig sei, geschweige denn ein anderer. Besonders stille Wasser würden sich dazu eignen, dass man in der Literatur einen Psychopathen aus ihnen mache. Da Muse 1.0 ein stilles Wasser ist, versprach ich ihm, dass, wenn ich diesen Roman einmal wirklich schreiben würde, ich ihn die Rolle des Psychopathen oder Soziopathen spielen ließe. Und auch wenn Muse 1.0 jetzt nicht mehr Teil meines Lebens ist, bleibe ich meinem Versprechen treu.

Wieder machte ich mich aber nicht direkt ans Schreiben, weil mir noch so viele kleine Teilchen fehlten, aber auch das große Ganze noch nicht so stimmig war. Es fehlten auch noch Name des Protagonisten und Titel. Und den zu kennen, ist für mich sehr wichtig, bevor ich zu schreiben beginne.

Eines Nachts hatte ich einen Traum. Ich träumte eine ganze Romanhandlung in schnellen Abläufen. Die war aber gar nicht so essentiell wie dass ich das Coverbild des Romans und den Protagonisten und dessen Namen klar vor Augen hatte: Er sah aus wie Muse 1.0, als er noch ein wenig jünger war, und er hieß Lucius Damien. Titel und Name des Protagonisten waren also gefunden.

Am darauffolgenden Morgen wollte ich mich auch gleich an die Arbeit machen und mit dem Schreiben beginnen, aber es ging nicht. Alle nötigen Details waren zwar geklärt, auch Aufbau und Handlung waren klar, aber dieses große Ganze fehlte irgendwie noch. Was sollte ich daraus machen? Einen Krimi? Einen Thriller? Welcher Art sollten die Morde sein? Kein Genre schien mir so richtig geeignet. Ich legte Notitblock und Bleistift also wieder zur Seite und beschloss, noch eine Weile zu warten.

Vorgestern schrieb mir dann ein Freund aus Zürich. Wie es mir gehe und was die Schreiberei mache. Ich erzählte ihm ein wenig, was sich in meinem Leben so tut. Und plötzlich dieser als Spaß gemeinte, beiläufig hingeworfene Satz: „Schreib doch mal einen Zürcher Erotikkrimi!“.

Sofort musste ich an „Lucius Damien“ denken. Endlich hatte ich das passende Genre dafür gefunden: Es muss natürlich ein Erotikkrimi mit dem Stilmittel des „unzuverlässigen Erzählens“ sein. Natürlich müssen die Morde erotisch motiviert sein und muss Erotik eine Rolle spielen, sonst ist der Plot nicht stimmig, und natürlich ist dann auch nichts geeigneter und prickelnder als das Stilmittel des „unzuverlässigen Erzählens“, weil nur ein in die Handlung Involvierter dem Leser plastisch vermitteln kann, was er empfindet.

Nun ist die Idee endlich fertig ausgereift. Ich bin mehr als zufrieden! Danke an Agatha Christie, Muse 1.0 und meinen Freund Cedric in Zürich! Nach dem Vollenden der Mandel-Krimis kann ich mich nun endlich ans Werk machen.

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Wien, 26.8.16

Sie nimmt die Reisetasche, die sie zwei Tage zuvor gepackt hat, und stellt sie in den Schrank zurück. Sie würde sie nicht wieder auspacken, darauf hat sie jetzt keine Lust. Aber sie würde jetzt doch auch nicht verreisen, darauf hat sie noch weniger Lust. Es hätten nur drei Tage sein sollen, aber dennoch. Irgendetwas macht sie launisch, und sie hat deshalb beschlossen, in Wien zu bleiben und an ihrem neuen Roman zu arbeiten.

Was genau es ist, das sie launisch und schlaflos macht, weiß sie gar nicht so recht. Die Nächte sind kühl und angenehm, man hätte also durchaus erholsamen Schlaf finden können. Doch zum Schlafen ist sie zu rastlos. Deshalb setzt sie sich Nacht für Nacht an ihren Schreibtisch, öffnet das Fenster, starrt in den Garten und die Finsternis hinaus und schreibt.

Es geht gut voran mit dem neuen Roman, doch es könnte besser sein. Wenn er da wäre. Dann würde sie auch nicht so viel herumreisen, sondern sich besser auf ihre Arbeit konzentrieren.

Die letzte Reise nach Venedig, von der sie gerade zurückgekommen ist, war sehr schön, sehr entspannend und inspirierend zugleich. Venedig ist eine Stadt so voll mit Eindrücken, dass es am besten ist, sie alleine zu bereisen. Trotzdem hätte sie ihn gerne an ihrer Seite gehabt. Als Gesprächspartner am Abend. Und bei den Spaziergängen durch die Lagunenstadt.

Eigentlich war sie nach Venedig gefahren, um noch mehr Distanz zwischen sich und ihn zu bringen. Sie hätte es aber besser wissen müssen. Selbst wenn sie nach Canberra gereist wäre, hätten sie sich nicht weiter voneinander entfernt. Im Gegenteil, je mehr Kilometer zwischen ihnen liegen, desto näher fühlte sie sich ihm.

Sie hasst das, ist genervt von dem ständigen Hin und Her, von all den vagen Konkretheiten, die in all den Sätzen steckten, die sie einander schreiben und sagen, ist genervt von der Distanz und noch mehr darüber, dass sie überhaupt so viel Zeit mit Gedanken daran verschwendet. Sie hat Besseres zu tun.

Ärgerlich knallt sie die Schranktüre zu und greift nach ihrem Autoschlüssel. Alles, was sie jetzt braucht, ist ein kleiner Flirt, der sie ablenkt, ihre schlechte Stimmung vertreibt und ihre Laune wieder hebt.

Am nächsten Morgen geht es ihr gleich besser. Ihre trüben Gedanken sind verschwunden. Sie brüht sich einen Kaffee auf und genießt kurz die Morgensonne im Garten, dann setzt sie sich an ihren Schreibtisch und arbeitet weiter an ihrem neuen Roman. Nicht mit der sonst so üblichen Begeisterung, aber dennoch mit einigem Eifer.

Ein Klingelton unterbricht ihre Arbeit. Er kommt von ihrem Smartphone. Es ist dieser Ton, den sie so gerne hört, lieber als alle anderen. Es ist er. Er hat einen eigenen Klingelton. Das ärgert sie selbst, doch wenn sie in ihre Arbeit vertieft ist, ist sie für niemanden erreichbar. Außer für ihn. Weil es ihr aus irgendeinem Grund wichtig ist, nicht zu verpassen, wenn er sich bei ihr meldet. Was er jeden Tag tut. Meist abends, weil er wissen will, was sie gerade macht.

Er schreibt, um sie zu fragen, ob bei ihr alles in Ordnung ist. Sie antwortet, dass es das ist. Das tut sie immer, er soll nicht wissen, dass sie ihn vermisst. Er sagt, dass er ein schönes Wochenende gehabt hat und dass er heute Morgen früh aufgestanden sei. Sie ist verwundert und fragt nach dem Grund. Er schreibt, er sitze gerade ihm Zug nach Wien.

Überrascht und gleichzeitig erfreut legt sie das Handy zur Seite, um es kurze Zeit später wieder zur Hand zu nehmen und ihn zu fragen, was der Grund dafür sei. Er habe Dinge hier zu tun, meint er. Sie fragt, welche, doch er will nicht recht mit der Sprache herausrücken. Sie insistiert. Er habe Sehnsucht nach ihr gehabt, gesteht er letztendlich. Er habe nicht bis Ende September warten wollen, wolle nicht, dass sie ihn vergisst.

Sie hat gewusst, dass er einen Tag verstreichen lassen würde, bis er sich wieder bei ihr meldet. Erst am Mittwochnachmittag schreibt er ihr, um sie zu fragen, ob sie Lust hat, ein Glas Wein mit ihm zu trinken. Sie sagt Ja und beschließt, dass es heute Abend ihr Lieblingswein sein musste, ein portugiesischer Rosé.

Die Dunkelheit ist längst hereingebrochen, als er bei ihr eintrifft. Sie sitzt im Bett, am offenen Fenster, und hat bereits das erste Glas geleert. Sie hört, wie er das Gartentor öffnet und den Weg zum Haus entlanggeht. Vor dem Fenster bleibt er kurz stehen und lächelt sie an. Dann betritt er das Haus, versperrt die Türe, zieht den Schlüssel ab und legt ihn auf den Glastisch. Es ist klar, dass er heute Nacht bleiben wird.

Er setzt sich zu ihr ins Bett und lässt sich von ihr Wein einschenken. Sie weiß, dass sie beide vor diesem Moment ein wenig Angst gehabt hatten, doch es ist, als wären sie all die langen Wochen nicht voneinander getrennt gewesen. Er erzählt ihr, was er all die Zeit über bei sich zu Hause gemacht hat, obwohl sie das ohnehin schon weiß, weil er ihr jeden Tag geschrieben hat. Er weiß auch, was sie gemacht hat, also macht sie sich nicht die Mühe, ihm auch von den Dingen zu erzählen, die sie erlebt hat.

Sie sehen sich Fotos an und hören Musik, sie genießt schon das dritte Glas Wein und merkt, dass sie nun leicht betrunken ist. Ein Gefühl vollkommener Entspanntheit stellt sich ein.

Sie schauen durch das geöffnete Fenster in den Garten hinaus, obwohl es in der fast vollständigen Dunkelheit nichts zu sehen gibt. Dafür sind die Grillen umso deutlicher zu hören, die ein lautstarkes Konzert veranstalten.

„Die Grillen hier in der Gegend sind so laut wie nirgendwo anders“, sagt er. „Das war das Erste, was mir auffiel, als ich vorhin aus der U-Bahn ausgestiegen bin. Nicht mal bei uns am Land sind sie jemals so laut.“

„Und sie zirpen, bis sie um halb vier Uhr morgens vom Gezwitscher der Vögel abgelöst werden“, antwortet sie ihm. „In manchen Nächten ist es schwer zu schlafen.“

„Ich hab’s vermisst.“

„Es oder mich?“, fragt sie nach.

„Beides.“

„Ich war sehr überrascht, dass Du nach Wien zurückgekommen bist. Eine so lange Fahrt für so wenige Tage. Es wären nur mehr vier Wochen bis Ende September gewesen“, wirft sie ein.

„Zu viele“, sagt er.

„Gab es denn in all der Zeit keine andere, mit der du dir die Zeit vertrieben hast?“, fragt sie ihn und hat Angst vor der Antwort.

„Nein“, erwidert er prompt. „Und wie sieht es bei dir aus?“

Sie will ihm nicht antworten. Stattdessen nimmt sie ihm das Glas aus der Hand, stellt es auf den Tisch und küsst ihn.

Wie immer hört die Welt im selben Moment auf zu existieren. Nichts und niemand zählt mehr. Es gibt nur mehr sie beide und ihre eigene Welt, in der man erleben und fühlen kann, was immer man möchte. Sie haben viel nachzuholen, wollen endlich all die Dinge tun, über die sie seit Wochen so oft miteinander geschrieben haben. Sie hatten sich nie Grenzen gesetzt, aber jetzt setzen sie weit darüber hinweg. Sie hätte mit keinen Worten der Welt beschreiben können, was sie dabei empfand, und sie hätte es auch nicht wollen. Der Einzige, der das wissen und spüren musste, war er.

Als sie einander so nahe waren, dass man einander näher nicht sein konnte, beugte er sich zu ihr hinunter und flüsterte ihr ins Ohr.

„Ich wünschte, ich könnte für immer genauso daliegen, für den Rest meines Lebens.“

Sie fühlt sich sofort an Goethe erinnert. Der Pakt mit dem Teufel. Oh, Augenblick, verweile! Und zum ersten Mal ist ihr klar, was nicht nur er bei ihr, sondern sie auch bei ihm auslöst.

Die Welt ist stehengeblieben, die Grillen haben aufgehört zu zirpen, es wehte nicht der leiseste Windhauch, doch das alles fällt ihnen gar nicht auf.

Irgendwann bekommt sie Durst und geht in die Küche, um einen Krug Wasser zu holen. Als sie zurückkommt, ist er eingeschlafen. Er hat es nicht mal mehr geschafft, sich zuzudecken, aber die Nacht ist lau und deshalb lässt sie ihn so liegen.

Sie ist viel zu wach, um auch schlafen zu können. Sie greift nach ihrem roten Kimono und will ihn anziehen. Dann fällt ihr Blick auf ihn und sie wirft das Kleidungsstück achtlos in die Ecke. Sie greift nach einem Notizbuch und einem Bleistift. Dann klettert sie über ihn drüber und setzt sich nackt auf das Fensterbrett über dem Bett. Von dort aus kann sie gleichzeitig den abnehmenden Mond und ihn sehen, wie er im Bett liegt, ebenfalls nackt und mit einem Lächeln auf den Lippen.

Sie beginnt zu schreiben, über ihn, und hört erst wieder auf, als sie merkt, dass die Sonne bald aufgehen würde. Eigentlich hätte längst Vogelgezwitscher einsetzen müssen, doch das hatte es nicht. Es war die geräuschloseste Nacht gewesen, die sie jemals erlebt hatte.

Sie lässt das Notizbuch achtlos auf dem Fensterbrett zurück und legt sich zu ihm. Er merkt, dass sie endlich da ist und umarmt sie. Sie lächelt und schläft ein.

Sie haben lange geschlafen. Irgendwann stehen sie auf. Während er duscht, macht sie Kaffee. Sie öffnet die Türe zur Veranda und lässt die warme, duftende Sommerluft ins Haus. Sie frühstücken gemeinsam und reden über Belangloses. So wie sie das immer tun.

Irgendwann greift er nach seinen Sachen und sagt, dass er nun gehen müsse. Er würde zurück nach Deutschland fahren. Für den Rest des Sommers. Er umarmt sie, wie er sie noch nie umarmt hat, dann verlässt er das Haus. Wie immer dreht sie sich nicht nach ihm um.

Sie geht in die Küche und macht sich frischen Kaffee. Als sie in die Veranda zurückkommt, sieht sie, dass er ihr geschrieben hat.

„So schön war es noch nie davor zwischen uns, nicht wahr?“, fragt er, obwohl er doch nur ihre Bestätigung will.

„Es war die allerallerschönste Nacht. In meinem ganzen Leben“, schreibt sie zurück.

„Geht mir genauso“, antwortet er.

Sie legt das Handy zurück auf den Tisch. Sie weiß, dass er sich nun längere Zeit nicht mehr bei ihr melden wird. Es ist ihr egal. Sie weiß auch, dass er sie nie wieder vergessen wird. Sie ihn auch nicht.

 Mateus

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Wien, 16.8.16

Es gibt seit einiger Zeit eine neue Muse in meinem Leben. Muse 2.0.

Ich würde gerne behaupten, dass es schleichend passiert ist, dass ich es nicht bemerkt und kommen sehen habe, aber dem ist nicht so. Vom ersten Moment an war es klar.

Man verbringt den Sommer getrennt. Seitdem stockt der Schreibfluss. Kalter Entzug. Ich haste rastlos von einem Ort zum anderen, auf der Suche nach Worten, tigere herum wie Rilkes Panther. Er ist bei sich zu Hause in Deutschland. In welchem Gemütszustand auch immer.

Zehn Wochen. Bis er nach Wien zurückkommen würde. Bis zu meinem Geburtstag Ende September. Sie würden vergehen wie im Fluge. Außerdem die völlige Gleichgültigkeit. Eine Trennung auf Zeit. Wunderbar. Man braucht einander ja auch gar nicht. Es gibt auch noch andere und anderes im Leben. Er ist mir nicht wichtig, ich ihm auch nicht. Zudem die Hoffnung, man würde einander bis dahin ohnehin vergessen haben. Zu bedeutungslos ist die Beziehung, die keine ist, hat keinen Tiefgang. Zehn Wochen, eine Entfernung von über 500 Kilometern, das Bild des anderen würde in kurzer Zeit verblasst sein. Erleichterung.

Der erste Tag der Trennung. Ein paar nichtssagende Sätze werden hin- und hergeschickt. Ein paar Fotos. Man will sehen, wie der andere in der Fremde so lebt, was er tut, man ist neugierig.

Ein völlig banales Foto unter vielen. Nebenbei geschickt. Lustlos. Ein Kommentar zurück, pikant, aber doch nicht neu. Man beschwört das Bild einer Situation herauf, die man schon einmal miteinander erlebt, aber nicht richtig ausgelebt hat. Aus dem Nichts entsteht ein Feuer, ein kleiner Funke setzt einen ganzen Wald in Brand.

Plötzlich kann man nicht mehr aufhören, an den anderen zu denken, die Sätze, die man jeden Tag hin- und herschickt, sind auf einmal nicht mehr banal. Und es sind nicht mehr einige wenige, sondern viele, eine ganze Flut. Täglich. Jeder einzelne davon weckt eine Sehnsucht, die es davor nicht gab. Man beginnt, einander Dinge zu schreiben, die man sich nur wegen der Distanz zu schreiben traut, die man dem anderen niemals anvertraut hätte, wenn man ihm dabei hätte in die Augen schauen müssen. Die Entfernung bringt näher, schafft Intimität.

Man beginnt, einander zu vermissen, täglich mehr. Zehn Wochen erscheinen plötzlich wie zehn Jahre. Werden mit Garantie niemals vergehen. Die Zukunft rückt in so weite Ferne. Mittlerweile sind sechs Wochen der Trennung vorüber, der Tag des Wiedersehens weiter weg denn je.

Muse 2.0. Ein Szenario so altbekannt und vertraut und doch völlig anders. Der eine, ehemalige die ständige kalte Distanz und Konfrontation, der ewige Streit, die völlige Verweigerung und die tägliche Frage, warum man dennoch darauf besteht, einander noch zu sehen. Der andere die totale Harmonie und Hingabe, die Nähe so nah, dass man glaubt, mit dem anderen schon verschmolzen zu sein, die Gedanken und Gefühle immer im Einklang.

Muse 2.0. So viel schöner, so viel besser, so viel prickelnder, so viel wilder, so viel inspirierender. So hautnah. Verrückte, harmoniesüchtige Hedonistin trifft verrückten, harmoniesüchtigen Hedonisten. Zwei Waagen, deren Waagschalen sich sofort ausgleichen, wenn sie aufeinander treffen. Die Welt da draußen für ein paar Stunden nicht mehr existent. Eine Parallelwelt, in der man über alles phantasieren und alles erleben kann, in der der Himmel immer wolkenlos und blau ist, in der stets Milch und Honig fließen. Nie ein böses Wort, sondern 1000 Komplimente, die man gegenseitig hin- und herschießt. Damit die Waagschalen in Balance bleiben. Und weil der andere so einzigartig und großartig ist. Etwas ganz Besonderes. Weil er ist wie man selbst.

Das Drama ist trotzdem vorprogrammiert. Gerade deshalb. Der Schmerz wird ungleich größer sein, die Narben tiefer. Eine Tatsache, die im Hinterkopf ständig präsent ist, die man aber trotzdem gekonnt verdrängt, zu groß ist die Lust, und gleichzeitig die Hoffnung, dass man von einem Tag auf den anderen plötzlich die Lust auf den anderen verliert. Eine Achterbahnfahrt, auf die man sich gerne einlässt, obwohl man Höhenangst hat. Es ist dieses Prickeln, der Kick, man will ihn immer wieder.

So unterschiedlich Musen auch sind, haben sie doch einiges gemeinsam: Sie sind eitel und gefallsüchtig, möchten stets hören, wie wichtig sie einem sind, wie einzigartig und besonders, fordern Zuneigung und viel Aufmerksamkeit ein, wollen einen am liebsten mit keinem anderen teilen, obwohl sie ständig betonen, nicht eifersüchtig zu sein, und haben permanent Angst, durch einen anderen ersetzt zu werden. Deshalb wollen sie, dass man ihnen ständig schreibt. Noch mehr gefällt es ihnen, wenn man wegen ihnen schreibt. Literarisch. Für sie. Über sie. Sie lieben es, zu wissen, dass sie einen zu etwas inspiriert haben, dass sie eine wichtige Rolle spielen.

Musen sind mühsam. Sie sind dominant. Sie platzen in dein Leben, ohne eingeladen worden zu sein, und ergreifen von dir Besitz, ohne dich zu fragen. Musen sind ein Risiko. Du bist süchtig nach dem Austausch mit ihnen und willst sie gleichzeitig loswerden, aber das lassen sie nicht so leicht zu.

Musen sind eine Bereicherung. Fordern viel, doch geben noch mehr. Das Leben mit ihnen ist um so vieles prickelnder, spannender und bunter, man sieht Dinge, die man ohne sie nicht gesehen hat. Eine zarte lila Blüte riecht wie ein endloses Lavendelfeld, ein winziges Salzkorn auf der Lippe schmeckt wie das ganze Meer, eine flüchtige Berührung ist wie ein Feuerwerk. Sie sind deshalb jeden etwaigen Ärger wert.

Muse 2.0. Jeder Sommer braucht seine Liebesgeschichte. Die Geschichte einer Liebe also, die keine Liebe ist und keine sein will. In einem Sommer, der kein richtiger Sommer ist. Er ist nicht mein Typ, ich nicht seiner. Ich will keine Beziehung, er auch nicht. Er sagt, dass er dennoch zurückkommt, weil er die Rolle, die er in meinem Leben spielt, genießt. Ich antworte, dass er für mein Leben ohne Bedeutung ist. Ich brauche ihn nicht, er mich auch nicht. Er sagt, dass das Einschlafen erst dann wieder richtig schön sein wird, wenn er mich dabei in den Armen halten kann. Ich antworte ihm nicht und lächle, weil ich es genieße, dass er mich bis zum Morgen nie auch nur einen einzigen Moment loslässt. Ich bin ihm wichtig, er mir auch. Das Drama ist vorprogrammiert. Diesmal schreibe ich von Anfang an mit. Auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin.

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