Leseproben von Cara Roth

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Vier

Am nächsten Morgen wurde Mandel von Geschirrgeklapper aus der Küche geweckt. Es war bereits halb zehn. Er griff nach seinen Pantoffeln, stellte fest, dass sie immer noch nass waren, schlüpfte in seinen blauen Frotteemorgenmantel und ging barfuß und noch etwas schlaftrunken die Treppe hinunter. In der Küche saß seine Frau bereits am Frühstückstisch und las die Sonntagszeitung. Durch das Küchenfenster fielen die ersten warmen Frühlingssonnenstrahlen und das Gras glitzerte noch feucht vom frühmorgendlichen Tau. Mandel gab seiner Frau einen Kuss auf die Stirn. „Guten Morgen, meine Schöne. So lange habe ich wohl schon ewig nicht mehr geschlafen.“
Maria goss ihm eine Tasse Kaffee ein und reichte ihm die Zeitung. „Hier Schlafmütze, ich hab sie schon gelesen.“
Mandel nahm die Zeitung entgegen, machte einen Schluck von seinem Kaffee und schaute sich suchend in der Küche um. „Wo ist denn der Gugelhupf, den du gestern gebacken hast?“
„Ich dachte ich schneide ihn noch nicht an, weil du heute Morgen sicher sowieso keinen Hunger haben würdest, bei dem was du gestern in dich hineingeschlungen hast.“
„Alles längst verdaut.“
„Was für ein wunderbarer sonniger Tag. Was hältst du von einer kleinen Ausfahrt mit den Rädern?“
„Gar nichts. Dafür müsste man die Räder erst einmal aus dem Keller heraufholen, waschen und die Reifen aufpumpen, und dazu habe ich nicht die geringste Lust. Außerdem habe ich mir vorgenommen, heute die Hecke fertig zu schneiden.“
„Heute ist Sonntag. Du weißt ganz genau, dass man sonntags weder Rasen mähen noch Hecken schneiden noch sonst irgendwelche Tätigkeiten ausüben darf, die die Nachbarn in ihrer Ruhe stören könnten.“
„Ich habe aber nur am Wochenende Zeit, um die Hecke zu schneiden, und da ich gestern meine Arbeit nicht vollenden konnte, werde ich das heute tun.“ Mandel nahm noch einen kräftigen Schluck von seinem Kaffee und grinste seine Frau verschmitzt an. „Oder glaubst du, sie werden mir die Polizei auf den Hals hetzen?“
„Ein bisschen rücksichtsvoller könntest du schon sein. Immerhin wohnen viele ältere Leute um uns herum.“
„Eben, die haben ohnehin die ganze Woche das Feld für sich alleine und Ruhe von mir, wenn ich im Büro bin. Gib mir lieber noch ein Stück Gugelhupf, ich brauche Energien für die harte Arbeit, die mir bevorsteht.“

Nachdem Mandel sein Frühstück beendet hatte, zog er sein Arbeitsgewand an und begab sich trotz erneuter Proteste seiner Ehefrau in den Garten. Nach einem Kontrollgang zwischen den Blumenbeeten und einem kurzen Blick auf seinen heiß geliebten Kirschenbaum, der wie immer um diese Jahreszeit in vollster Blütenpracht stand, holte er die Heckenschere aus der Garage und machte sich an die Arbeit. Er begab sich in den Vorgarten. Das Schneiden dieses Teils der Hecke schien ihm müheloser als das Schneiden des hinteren Teils, den er am Tag davor zurechtgestutzt hatte. Scheinbar war das Astwerk hier weniger dicht und noch nicht so verwachsen, oder er war heute ganz einfach ausgeschlafener und energiegeladener als am Vortag. Trotzdem, eine kurze Verschnaufpause konnte nicht schaden. Er lehnte die Schere an den Marillenbaum und machte einen Schluck aus der Mineralwasserflasche. Dabei warf er einen Blick in den Garten seines Nachbarn, wo der rot getigerte Kater, der ihm gestern Nacht den Schlaf geraubt hatte, provozierend auf und ab marschierte, Mandel dabei immer im Auge behaltend. Verärgert runzelte Mandel die Stirn. „Ich an deiner Stelle würde nicht so selbstsicher herumstolzieren. Dort drüben bist du in Sicherheit, aber wenn du es wagst, deinen elenden Kadaver noch einmal in meinen Garten zu schleppen, mache ich Gulasch aus dir.“
Der Kater blinzelte, völlig unbeeindruckt von Mandels Rede, streckte sich und war mit einem gewaltigen Sprung in den Ästen des Apfelbaumes verschwunden. Der Kommissar blickte ihm verärgert nach. Im selben Moment kam Frau Schulz mit einem Müllsack aus dem Haus und begab sich zur Abfalltonne, die im vorderen Teil ihres Gartens stand, direkt gegenüber jener Stelle, an der Mandel gerade mit seiner Hecke beschäftigt war. Der Kommissar winkte ihr zu. „Schönen guten Tag, Frau Schulz. Ich hoffe, ich habe Sie heute Nacht mit meinem Gepolter nicht geweckt, aber wenn ich das Tier nicht verjagt hätte, hätten wir kein Auge zutun können. Das Gejaule geht einem durch Mark und Bein.“
„Von einem Gejaule oder Gepolter habe ich nichts gehört. Ich bin nur einmal kurz nach Mitternacht aus meinem Bett hochgefahren, weil irgendetwas in Frau Schobers Garten umgefallen war. Doch danach bin ich gleich wieder eingeschlafen. Heute in der Früh, als ich über ihren Zaun geschaut habe, habe ich gesehen, dass ihre Mülltonne umgekippt ist. Sie liegt immer noch so da, der ganze Müll ist über dem Rasen verstreut. Eleonore dürfte heute noch gar nicht aus dem Haus gekommen sein.“
„Muss einen festen Schlaf haben, wenn sie gar nichts davon mitbekommen hat. Meine Frau und ich haben allerdings auch nichts gehört.“
„Die Tonne steht ja auch in einiger Entfernung von Ihrem Schlafzimmerfenster.“
„Ich frage mich nur, wie die Tonne umfallen konnte.“
„Die Katzen wahrscheinlich. Wenn Sie sagen, dass es letzte Nacht ein ziemliches Gejaule gab, ist der Kater wahrscheinlich über die Hecke zu seiner Angebeteten gesprungen, ist auf der Tonne gelandet und hat sie dabei vielleicht umgeworfen. Danach sind die beiden Tiere wohl auf Ihr Grundstück geflüchtet.“
„Und haben die jungen Triebe von meinem Palmkätzchenstrauch abgebissen.“
„Palmkätzchen habe ich genug. Wenn Sie welche für den Osterbaum brauchen, sagen Sie mir Bescheid. Mir ist etwas kalt, ich gehe jetzt zurück ins Haus, bevor ich mir eine Erkältung hole.“
„Und ich mache mich wieder an die Arbeit.“

Mandel schnappte sich seine Heckenschere und begab sich in den vordersten Teil des Gartens, aber nachdem er ein paar Minuten geschnitten hatte, war seine Neugierde so groß geworden, dass er das Werkzeug achtlos auf den Rasen legte und sich dem Zaun, der sein Grundstück von dem seiner Nachbarin trennte, näherte und versuchte, einen Blick auf die umgeworfene Mülltonne zu werfen. Doch schon als er noch einige Meter entfernt war, sah er das riesige Loch im Maschendrahtzaun, das offensichtlich mit einer Zange in das Geflecht geschnitten worden war, um jemandem den Zutritt zum benachbarten Grundstück zu ermöglichen. Nur, von welcher Seite aus war das Loch geschnitten worden, und vor allem, wer konnte das unbemerkt gemacht haben? Tags zuvor war es auf jeden Fall noch nicht da gewesen. Es konnte erst passiert sein, nachdem er sich gestern Nachmittag mit Frau Schober unterhalten hatte. Am besten er fragte sie, ob ihr irgendetwas Ungewöhnliches aufgefallen war. Mandel presste sich ganz eng an den Zaun und rief nach ihr, doch sie reagierte nicht. Vielleicht hörte sie Radio oder sah sich einen Film im Fernsehen an. Er beschloss, außen herumzugehen.

Zuerst konnte er keine Glocke entdecken, doch schließlich fand er sie. Wie das Namensschild war sie unter dichten Ranken wilden Weins verborgen. Mandel zögerte kurz, dann läutete er. Die Glocke war schrill und laut, die konnte sie einfach nicht überhören. Aber wieder keine Reaktion. Er drückte die Klinke nach unten und versuchte die Türe zu öffnen, doch sie war versperrt, also begab er sich wieder in seinen Garten und kletterte durch das Loch im Zaun auf das Nachbargrundstück. Wiederholt rief er nach Frau Schober, doch sie antwortete nicht. Er näherte sich der Haustüre, klopfte und drückte auch hier die Klinke. Versperrt. Vorsichtig ging er ums Haus herum und versuchte, durch die Fenster zu spähen, doch alle Vorhänge waren zugezogen. An der Rückseite angelangt, entdeckte er, dass das Schlafzimmerfenster offen stand. Von außen warf er einen Blick ins Zimmer. Das Bett war unberührt, ein Nachthemd lag zusammengelegt auf dem Kopfpolster. Auf dem Nachtkästchen standen ein kleines Kofferradio und ein alter, schon etwas verrosteter Wecker, daneben lag ein aufgeschlagenes Buch. Die Schlafzimmertüre war halb geöffnet, doch trotzdem gelang es dem Kommissar nicht, einen Blick in die anderen Räume zu werfen. Erneut rief er Frau Schobers Namen, war aber sicher, dass er keine Antwort bekommen würde. Unruhe überkam ihn und er schaute sich nach einer Leiter um. Da er im Garten keine entdecken konnte, ging er zum Holzschuppen, wo er nach einigem Stöbern eine kleine Treppenleiter entdeckte, mit deren Hilfe er fast mühelos ins Haus gelangen konnte. Ein modriger Geruch schlug ihm entgegen. Mandel hatte das Gefühl, an einem Ort zu sein, an dem die Zeit schon seit Jahrzehnten stillstand. Die Tapeten an den Wänden waren vergilbt, an manchen Stellen begannen sie sich von den Wänden zu lösen. Die schweren Vorhänge waren ausgebleicht und brüchig, das Mobiliar spärlich. In der Ecke entdeckte er eine von Holzwürmern zerfressene Truhe, deren Deckel offen stand, daneben befand sich eine kleine Kommode, auf der ein Spitzendeckchen lag, die Schubladen waren aufgezogen, ihr Inhalt zerwühlt. Er bahnte sich seinen Weg zwischen Stößen mit alten Zeitungen und Büchern durch das Vorzimmer Richtung Wohnzimmer. Ein zerschlissenes Sofa, ein Kasten aus Wurzelholz, ein Tisch mit Wachstischtuch, rundherum vier klapprige Stühle. In der hintersten Ecke des Raumes stand ein Kohleofen, das Feuer war längst erloschen. Der Kommissar öffnete das Türchen und stocherte in den letzten Resten von Glut herum. Dann stellte er den Schürhaken wieder zurück in die Ecke und wandte sich den Fotografien zu, die an der Wand hingen. Ein Familienfoto mit zwei jungen Mädchen, beide rotbackig mit dicken schwarzen Zöpfen. Daneben das Bild eines jungen Mannes in Uniform. Unter den Fotografien befand sich eine kleine Anrichte, auf der, wie auf einem Altar, Kerzen aufgestellt worden waren, dazwischen eine Vase mit eingetrockneten Gartenblumen. Nachdem Mandel die Bilder eingehend betrachtet hatte, wandte er sich ab und verließ das Wohnzimmer, um sich in die Küche zu begeben. Auf dem kalten Steinboden vor dem Kühlschrank fand er sie. Neben ihr lag ein Kerzenleuchter aus massivem Silber. Jemand hatte ihr damit von hinten den Schädel eingeschlagen …

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Niemand hatte damit gerechnet, dass es dieses Jahr am Heiligen Abend Schnee geben würde, doch jetzt tanzten dicke, weiße Flocken verspielt den Himmel herab. Zwei besonders prächtige Exemplare schienen es mit dem zu Boden Fallen nicht sonderlich eilig zu haben. Als wollen sie einander necken, drehten sie sich im Kreise und versuchten, den anderen dabei zu erhaschen, um sich dann nach einer kurzen Berührung wieder voneinander zu entfernen. Als sie sich schließlich in gemeinsamer Umarmung auf dem untersten Ast der mit glitzerndem Weihnachtsschmuck und bunten Lichterketten behängten Tanne niederlassen wollten, kam von unten eine warme Brise auf und riss die beiden auseinander, wobei die eine auf dem langen, weißen Bart eines vor dem Kaufhaus Teinfalt auf- und abmarschierenden Weihnachtsmannes landete, um in dessen Kunstfasergewirr einzutauchen und so aus dem Blickfeld der anderen Schneeflocke zu verschwinden.
Der Weihnachtsmann, der von der gewaltsamen Trennung der beiden Liebenden keinerlei Notiz genommen hatte, fuhr fort, Süßigkeiten an die Kinder zu verteilen, die mit ihren Eltern zum Kaufhaus gekommen waren, um noch letzte Besorgungen für das bevorstehende Fest zu machen. Ein kleiner Junge, etwa fünf Jahre alt, löste sich von der Hand seines Vaters und lief auf ihn zu. Santa Claus bemerkte den Kleinen nicht sofort, da er gerade in ein Gespräch mit zwei sommersprossigen Mädchen verwickelt war, die ihn zum dritten Mal fragten, ob sie denn nun wirklich die Barbiepuppen bekommen würden, die sie auf ihrer Wunschliste zuoberst angeführt hätten, und ihn noch einmal daran zu erinnern, nur ja die allerallerneuste CD von Justin Bieber unter den Christbaum zu legen, und so wurde der Junge ungeduldig und begann, energisch am Zipfel der roten Weihnachtsmannjacke zu zupfen. Der Weihnachtsmann hob seinen linken Arm und verfrachtete den mittlerweile schon wesentlich leichter gewordenen Sack mit den Süßigkeiten in die rechte Hand, um besser sehen zu können, wer es war, der so dringend seine Aufmerksamkeit erregen wollte.
Der Junge starrte ihn mit seinen großen braunen Augen feindselig an. „Es gibt keinen Weihnachtsmann.“
„Aber du siehst doch, dass es mich gibt“, antwortete ihm der verdutzte Santa.
„Du bist nur ein verkleideter alter Mann. Dein Bart ist gar nicht echt, das kann man doch sofort sehen. Deine Haare auch nicht, nicht einmal dein fetter Bauch, da hast du dir sicher einen Polster in die Hose gesteckt, damit du dicker aussiehst. Außerdem bist du unsympathisch. Gäbe es einen Weihnachtsmann, dann wäre er nett, und alle Kinder würden ihn mögen. Ich kann dich aber nicht leiden.“
„Da bist du nicht der Einzige, du kleiner Klugscheißer.“
„Wieso? Wer findet dich noch doof?“
„Das geht dich gar nichts an!“
„Mich wundert’s auf jeden Fall nicht. Dein Gesicht ist total unsympathisch. Du hast einen ganz schmalen, unsympathischen Mund und unsympathische Augen.“
„Hast du das Wort kürzlich in der Schule gelernt, weil du es so oft hintereinander sagst, oder willst du mir ganz einfach nur auf die Nerven gehen?“
„Gib mir was Süßes, dann höre ich auf, dir auf die Nerven zu gehen!“
Der Weihnachtsmann griff in seinen Sack und zog einen Schokoladeriegel heraus, den er dem Jungen hinhielt.
„Ätzend. Das ist mit Kokos. Hast du kein Mars oder Twix?“
„Bedaure, du kleine Zecke. Nimm das oder lass es bleiben.“
„Ich sage ja, du bist total unsympathisch. Wundert mich wirklich, dass sie dir diesen Job gegeben haben. Du bist ein richtiger Kinderschreck. Mein kleiner Bruder würde sicherlich anfangen zu heulen, wenn du dich zu ihm in den Kinderwagen runterbeugst.“
„Warum machst du dann nicht einfach die Fliege?“
„Weil ich was Süßes haben will.“
„Wie wär’s mit einem Maoam?“
„Hast du da welche in deinem Sack?“
„Nein, aber du kannst eines von meinen haben.“
„Du isst Maoam?“
„Stört’s dich?“
„Nein. Ich wundere mich halt, weil bis jetzt habe ich noch keinen Erwachsenen getroffen, der Maoams mag.“
„Da hast du ein paar und jetzt hau ab. Das Kaufhaus sperrt gleich zu, und ich geh auch heim.“
„Feierst du mit deinen Kindern?“
„Ich habe keine Kinder.“
„Aber verheiratet bist du schon, oder?“
„Du gehst mir auf den Keks mit deinen Fragen.“
„Sie findet dich auch unsympathisch, stimmt’s?“
„Wer?“
„Deine Frau.“
„Wie kommst du darauf?“
„Weil du gesagt hast, dass ich nicht der Einzige bin, der dich doof findet. Deine Frau findet dich also auch doof, oder?“
„Warum fragst du sie nicht selbst?“
„Aber wenn sie mit dir verheiratet ist, bedeutet das trotzdem, dass sie dich liebt. Sonst würde sie sich von dir scheiden lassen.“
„Was du alles weißt!“
„Die Eltern von meinem besten Freund haben sich im Sommer scheiden lassen. Daniel, das ist mein Freund, hat gesagt, das haben sie deshalb getan, weil seine Mutter seinen Vater nicht mehr liebt. Sie hat jemand anderen kennengelernt, in den ist sie total verknallt. Der Daniel meint, er ist ein vollkommener Idiot, aber seiner Mutter fällt das nicht auf, weil sie so verliebt ist in ihn.“
„Willst du noch ein Maoam?“
„Ja, gerne.“
Der Weihnachtsmann gab es ihm, nahm den Sack, den er in der Zwischenzeit auf dem Gehsteig abgestellt hatte, wieder in die Hand und griff nach einem kurzen Blick ins Innere hinein, um gleich darauf ein Mars herauszuziehen. „Da hast du, Kleiner. Ich dachte, Mars wären schon aus.“
„Mein Name ist Philip, nicht Kleiner. Und wie heißt du?“
„Nenn mich einfach Weihnachtsmann, okay?“
„Okay, Weihnachtsmann. Danke fürs Mars. Ich muss jetzt gehen, sonst werden meine Eltern noch nervös. Am Heiligen Abend sind sie immer leicht hektisch, weil sie wollen, dass alles perfekt abläuft und so. Und weil immer die halbe Familie zu Besuch kommt, was meine Mutter total ätzend findet wegen der Kocherei. Aber ich find’s toll, weil sie alle Geschenke für mich mitbringen. Nur das blöde Getue von wegen dem Christkind könnten sie jetzt endlich lassen. Es gibt kein Christkind, genauso wenig wie es einen Weihnachtsmann gibt.“ Der Junge steckte das Mars in die linke Tasche seines braunen Anoraks, drehte sich um und lief zu seinen Eltern zurück. Auf halbem Weg blieb er plötzlich stehen und blickte noch einmal zurück. „Fröhliche Weihnachten, Weihnachtsmann!“
„Fröhliche Weihnachten, Kleiner!“
„Philip, ich heiße Philip.“
„Fröhliche Weihnachten, Philip!“ Er winkte dem Jungen nach, dann warf er einen Blick auf seine Uhr und stellte fest, dass es kurz vor vier war. Es hatte bereits zu dämmern begonnen, und der Schnee fiel immer dichter. In ein paar Minuten würde das Kaufhaus schließen. Er hatte keine Lust mehr, noch länger hier draußen herumzustehen und sich die Füße abzufrieren. Außerdem brauchte er dringend eine Zigarette. Er würde in die Umkleideräume gehen, dieses alberne Kostüm ablegen und auf seine Frau warten, die in der Spielzeugabteilung an der Kasse stand und auch jedem Moment aufhören würde zu arbeiten. Er nahm also erneut den Sack, warf ihn über seine Schulter und begab sich Richtung Garderobe, die im Untergeschoss des Kaufhauses untergebracht war. Auf halbem Wege blieb er stehen, kramte seine Zigaretten aus der Hemdtasche und zündete sich eine an. Genüsslich machte er einen tiefen Zug, dann ging er weiter. Der Gang war nur sehr spärlich beleuchtet. Über ihn gelangte man außer zu den Garderoben noch zu den Duschen und dem Tresorraum, in dem abends für gewöhnlich reger Betrieb herrschte, wenn nach Geschäftsschluss die Kassenkräfte hier herunterkamen, um ihre Abrechnung zu machen und die Tageslosungen im Tresor zu deponieren. Um diese Zeit allerdings war aber außer dem Filialleiter noch niemand dort, umso verwunderter war er, als er zwei Stimmen vernahm, die durch die halb geöffnete Türe drangen, und noch verwunderter, als er in einer der beiden Stimmen jene seiner Frau zu erkennen glaubte, die eigentlich noch mit Kassieren beschäftigt sein musste, da sie bis vier Uhr Dienst hatte. Er nahm die Zigarette aus seinem Mund, warf sie zu Boden und trat sie mit seinem großen, schwarzen Stiefel aus. Er zögerte kurz, doch dann beschloss er nachzusehen. Leise und vorsichtig näherte er sich dem Tresorraum. Er wollte auf keinen Fall, dass die beiden auf ihn aufmerksam wurden. Obwohl er nur noch wenige Schritte von der Türe entfernt war, konnte er immer noch nicht verstehen, was in dem Zimmer gesprochen wurde. Die zwei bemühten sich offensichtlich, nicht allzu laut zu reden, seit einiger Zeit allerdings schienen sie gar nicht mehr zu sprechen, was ihn etwas beunruhigte und dazu veranlasste, die halb offene Türe etwas weiter aufzustoßen, um einen besseren Blick ins Zimmer werfen zu können und nach dem Grund für das plötzliche Schweigen zu forschen. Der Raum war in kaltes Neonlicht gehüllt und fast vollständig von dem gewaltigen Tresor ausgefüllt, dessen beinahe zwei Meter hohe Stahltüre noch geschlossen war und es so lange bleiben würde, bis die Kassiererinnen in ein paar Minuten angelaufen kämen, um ihre Kassenladen darin zu verstauen und ihre Abrechnungen vorzulegen, damit sie schnell zu ihren Familien nach Hause eilen konnten, mit denen sie das Weihnachtsfest feiern wollten. Vor Anspannung begann er, unter seinem Kostüm zu schwitzen. Er verfluchte diesen beschissenen Job, verfluchte sein ganzes Leben, in dem noch nie etwas so gelaufen war, wie er sich das vorgestellt hatte. Seit die Firma, in der er fast zwei Jahrzehnte lang gearbeitet hatte, vor einem Jahr aufgrund mangelnder Aufträge zusperren und er sich seit diesem Zeitpunkt mit diversen teils entwürdigenden Gelegenheitsjobs, wie diesem als Weihnachtsmann, über Wasser halten musste, war die einzige Konstante in seinem Leben überhaupt nur mehr die absolut fürsorgliche Gleichgültigkeit seiner Frau geworden. Eine Gleichgültigkeit, die so monoton und permanent war, so ohne Höhen und Tiefen, dass er sie beinahe schon als wärmend und tröstend empfand, war sie doch wenigstens etwas Sicheres, eines der wenigen Dinge, auf die man sich noch verlassen konnte. Er ließ seinen Blick vom Tresor ab und durch den Raum schweifen. Da war sie, seine Frau, auf dem Schreibtisch des Filialleiters, mit offener Bluse und hochgeschobenem Rock, unter den der schwarzhaarige Mann, der ihm den Rücken zuwandte, seine Hand geschoben hatte. Seine Frau saß mit dem Gesicht zur Türe und hätte ihm direkt in die Augen geblickt, hätte sie diese nicht geschlossen gehabt, um, so schien es, die Küsse und Berührungen ihres Vorgesetzten in voller Hingabe genießen zu können. Er blieb stiller Beobachter dieser Szene, während er die Zigarettenschachtel zusammendrückte, um sie anschließend in die hintere Ecke des Ganges zu schleudern.

 

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Liebe Mama!

 

Draußen regnet es. Ein leichter Nieselregen. Doch obwohl es bereits Ende Oktober und noch sehr früh am Morgen ist, ist es nicht kalt. Oder ich habe nicht gespürt, dass es kalt ist. Die Eile, die ich hatte, hierher zu kommen, und die Nachricht, die mir die Krankenschwester am Telefon überbracht hat, sie haben mich alles um mich herum vergessen lassen.

Wie in Trance bin ich die Strecke hierher gefahren. Eine Strecke, die mir immer viel zu lange erschien, aber heute noch länger vorkam als all die Wochen davor, als ich Dich hier an Deinem Krankenbett besuchen kam.

Die Ampeln auf dem Weg hierher, sie schienen alle auf Rot zu sein. So als wollten sie mich davon abhalten, bei Dir anzukommen. Und auch der ohnehin schon endlos lange Gang vom Eingang des Spitals bis zu Deinem Zimmer im letzten Winkel der 2. Medizinischen Station schien heute kein Ende nehmen zu wollen. Ich fühlte mich in einen Roman von Kafka versetzt. Empfand es als so surreal.

Und nun stehe ich vor Dir, und es wird mir schlagartig klar, dass nichts unendlich ist auf dieser Welt. Kein Weg und schon gar kein Menschenleben. Noch nicht einmal die Welt selbst. Warum aber hoffen wir dann darauf, dass die Menschen, die wir lieben, immer für uns da sein werden? Weil wir das Unvermeidliche verdrängen, weil wir dem Tod in unserem Leben keinen Platz einräumen wollen?

Oder hatte ich so sehr gehofft, weil ich wusste, dass diesmal die Hoffnung alles war, was mir bleiben würde? Und jetzt, wo Du tot bist, gibt es denn da überhaupt noch etwas zu hoffen? Hat mein Leben denn dann überhaupt noch Sinn?

Du warst – gewollt oder ungewollt – der Fokus in meinem Leben. Deine Krankheit hat Dich ins Zentrum des Interesses gerückt, hat Dich zu einer Person gemacht, auf die sich alle Aufmerksamkeit richtete. Hat das Leben aller Familienmitglieder bestimmt.

So viel Angst, ein ganzer Fluss vergossener Tränen, so oft dem Tod so nah, und dann doch immer wieder der Sieg der Hoffnung.

Ein Happy End, so wie man es sich in jedem Film wünscht. Du hast nie aufgehört, zu kämpfen, hast immer gewonnen. Sieg um Sieg um Sieg errungen. Obwohl ich immer gezweifelt, obwohl ich immer befürchtet hatte, Du würdest verlieren. Immer hast Du mir gezeigt, wie stark Du warst, mir stets vorgelebt, dass man nie aufgeben darf, nie aufhören darf zu kämpfen.

Im Laufe der Jahre warst Du für mich zu einer Unbesiegbaren geworden. Egal, wie oft der Tod an Deine Tür geklopft hatte, Du hast sie ihm immer wieder vor der Nase zugeschlagen, und jeden noch so großen Stein, den man Dir vor die Füße warf, hast Du stets beiseite geräumt, wohl wissend, dass der nächste nicht lange auf sich warten lassen würde.

„Was dich nicht umbringt, macht dich stark!“, hast Du immer gesagt, und ich habe in meinem Leben nur wenige kennengelernt, die stärker waren als Du. Doch dieser Mythos Deiner Unbesiegbarkeit, den ich mir selber geschaffen hatte, er hat mich allzu zuversichtlich gemacht, mich in Sicherheit gewiegt, mir vorgegaukelt, dass Du auch diese Schlacht wieder gewinnen würdest. Wie immer.

Warum hast Du dem Tod diesmal erlaubt, Dich auszutricksen? Warst Du nicht auf ihn vorbereitet? Hast Du ihn diesmal nicht ernst genommen? Warum hast Du nicht gegen ihn gekämpft? So wie sonst auch. Wie konntest Du das nur zulassen?!

Ich möchte Dir all diese Vorwürfe an den Kopf werfen, Dich so lange mit ihnen quälen, bis Du die Augen endlich wieder öffnest und mir sagst, dass ich aufhören soll, Dich damit zu sekkieren, wie Du es mir in den letzten Monaten so oft gesagt hast.

Ich will Dich damit provozieren, will dass Du Dich mit mir streitest. Das hast Du doch so gerne gemacht, mit mir streiten. Hast mich oft in den Wahnsinn getrieben mit Deinen Sticheleien und Deinem Bedürfnis, alles lautstark ausdiskutieren zu wollen. Und jetzt, wo ich von mir aus dazu bereit bin, jetzt kneifst Du, gibst mir einfach keine Antwort. Gib mir eine Antwort! Ich verlange eine Antwort von Dir, die schuldest Du mir. Hab den Anstand und beantworte mir diese letzten Fragen! Bitte. Ich flehe Dich an.

Ich drücke Deine Hand so fest, wie ich mich nur traue, aber je länger ich sie festhalte, desto kälter wird sie. Diese Hand wird nie wieder auf einen Händedruck reagieren. Sie wird keine Briefe und keine Geburtstagskarten mehr schreiben, keine neuen Weintraubenstöcke mehr pflanzen und keinen Apfelstrudel mehr backen. Sie wird sich niemals wieder vor Ärger oder Schmerz zu einer Faust ballen oder liebevoll den Hund streicheln.

Diese letzten Fragen, die ich an Dich gerichtet habe, Du wirst sie mir nicht mehr beantworten, so sehr Du das vielleicht auch gerne tun würdest. Doch ein Blick in Dein Gesicht gibt mir eine sehr viel ausführlichere Antwort, als mir lieb ist. Ich habe einige auf ihrem Sterbebett begleitet, öfter und unverhoffter, als ich mir hätte vorstellen können, doch sie alle hatten im Tode letztendlich einen Gesichtsausdruck des Friedens oder zumindest der Akzeptanz. Aber Dein Gesichtsausdruck, er ist so völlig anders, er spiegelt Entsetzen und große Qualen wider. Wohl noch viel größere Angst und Schmerzen, als Du in den letzten Jahren und vor allem Monaten ohnehin ertragen musstest.

Die Krankenschwestern haben Deinen Kopf eingebunden, wohl um zu verbergen, dass Du mit weit aufgerissenem Mund gestorben bist. Mit einem letzten Schmerzensschrei, der so laut gewesen sein muss, dass er sich für alle Ewigkeit auf Dein Gesicht eingebrannt hat.

Der Tod ist in der Nacht gekommen. Doch wie immer hast Du Dich mit Händen und Füßen gegen ihn gewehrt. Du hast ihn längst hinter der Ecke lauern sehen, wie so oft, und sehr wahrscheinlich wusstest Du ganz genau, dass es diesmal der letzte Kampf sein würde, doch Du hast scheinbar nicht aufgeben wollen, hast so lange gegen ihn und die Schmerzen angekämpft, bis Du nicht mehr konntest.

Du warst alleine in dieser dunklen Nacht, ich war nicht an Deiner Seite, wie ich es hätte sein müssen. Ich wähnte Dich hier in guten Händen, hatte darauf vertraut, dass Du auch diese Runde gewinnen würdest. Du, die Unbesiegbare. Ich war nicht an Deiner Seite in dieser dunklen Nacht, weil ich darauf vertraut hatte, dass wie immer alles wieder gut werden würde. Eingelullt in grenzenlose Hoffnung und Zuversicht.

Die Antwort auf meine Fragen, ich kann sie in Deinem Gesicht ablesen. Du warst auf ihn vorbereitet, hast ihn kommen sehen und gegen ihn angekämpft, obwohl Du wusstest, dass Du diesmal verlieren würdest.

Der Tod, er hat nur mich ausgetrickst. Ich hatte ihn nicht auf meiner Liste, konnte ihn nicht hinter der Ecke lauern sehen so wie Du, wohl weil ich ihn nicht sehen wollte, und hätte ich ihn doch wahrgenommen, so hätte ich in ihm keinen ebenbürtigen Gegner erkannt, hätte ihn verhöhnt.

Wegen meiner Ignoranz musstest Du die letzten Stunden alleine verbringen, die Schmerzen ganz alleine ertragen. Just in diesen letzten Stunden war ich nicht an Deiner Seite, obwohl ich so viele schwere Momente mit Dir geteilt habe.

Es tut mir leid, Mama, ich habe mich hinters Licht führen lassen, ihn nicht ernst genommen, schon geplant, wie wir unser Leben nach Deiner Entlassung aus dem Spital organisieren werden. Ich, ein Mensch, der immer nur in der Gegenwart, nur gelegentlich in der Vergangenheit lebt, aber so gut wie nie an morgen denkt, habe im Geiste eine Zukunft geplant, die es nun nicht mehr geben wird, nie gegeben hat.

Gerne würde ich ihn zur Rede stellen, den Tod, ihn herausfordern, doch obwohl er immer unter uns ist, wird er mir diesen Wunsch wohl hier und heute nicht erfüllen.

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