In den Schuhen, die Du mir geschenkt hast – Leseprobe

Liebe Mama!

Draußen regnet es. Ein leichter Nieselregen. Doch obwohl es bereits Ende Oktober und noch sehr früh am Morgen ist, ist es nicht kalt. Oder ich habe nicht gespürt, dass es kalt ist. Die Eile, die ich hatte, hierher zu kommen, und die Nachricht, die mir die Krankenschwester am Telefon überbracht hat, sie haben mich alles um mich herum vergessen lassen.

Wie in Trance bin ich die Strecke hierher gefahren. Eine Strecke, die mir immer viel zu lange erschien, aber heute noch länger vorkam als all die Wochen davor, als ich Dich hier an Deinem Krankenbett besuchen kam.

Die Ampeln auf dem Weg hierher, sie schienen alle auf Rot zu sein. So als wollten sie mich davon abhalten, bei Dir anzukommen. Und auch der ohnehin schon endlos lange Gang vom Eingang des Spitals bis zu Deinem Zimmer im letzten Winkel der 2. Medizinischen Station schien heute kein Ende nehmen zu wollen. Ich fühlte mich in einen Roman von Kafka versetzt. Empfand es als so surreal.

Und nun stehe ich vor Dir, und es wird mir schlagartig klar, dass nichts unendlich ist auf dieser Welt. Kein Weg und schon gar kein Menschenleben. Noch nicht einmal die Welt selbst. Warum aber hoffen wir dann darauf, dass die Menschen, die wir lieben, immer für uns da sein werden? Weil wir das Unvermeidliche verdrängen, weil wir dem Tod in unserem Leben keinen Platz einräumen wollen?

Oder hatte ich so sehr gehofft, weil ich wusste, dass diesmal die Hoffnung alles war, was mir bleiben würde? Und jetzt, wo Du tot bist, gibt es denn da überhaupt noch etwas zu hoffen? Hat mein Leben denn dann überhaupt noch Sinn?

Du warst – gewollt oder ungewollt – der Fokus in meinem Leben. Deine Krankheit hat Dich ins Zentrum des Interesses gerückt, hat Dich zu einer Person gemacht, auf die sich alle Aufmerksamkeit richtete. Hat das Leben aller Familienmitglieder bestimmt.

So viel Angst, ein ganzer Fluss vergossener Tränen, so oft dem Tod so nah, und dann doch immer wieder der Sieg der Hoffnung.

Ein Happy End, so wie man es sich in jedem Film wünscht. Du hast nie aufgehört, zu kämpfen, hast immer gewonnen. Sieg um Sieg um Sieg errungen. Obwohl ich immer gezweifelt, obwohl ich immer befürchtet hatte, Du würdest verlieren. Immer hast Du mir gezeigt, wie stark Du warst, mir stets vorgelebt, dass man nie aufgeben darf, nie aufhören darf zu kämpfen.

Im Laufe der Jahre warst Du für mich zu einer Unbesiegbaren geworden. Egal, wie oft der Tod an Deine Tür geklopft hatte, Du hast sie ihm immer wieder vor der Nase zugeschlagen, und jeden noch so großen Stein, den man Dir vor die Füße warf, hast Du stets beiseite geräumt, wohl wissend, dass der nächste nicht lange auf sich warten lassen würde.

„Was dich nicht umbringt, macht dich stark!“, hast Du immer gesagt, und ich habe in meinem Leben nur wenige kennengelernt, die stärker waren als Du. Doch dieser Mythos Deiner Unbesiegbarkeit, den ich mir selber geschaffen hatte, er hat mich allzu zuversichtlich gemacht, mich in Sicherheit gewiegt, mir vorgegaukelt, dass Du auch diese Schlacht wieder gewinnen würdest. Wie immer.

Warum hast Du dem Tod diesmal erlaubt, Dich auszutricksen? Warst Du nicht auf ihn vorbereitet? Hast Du ihn diesmal nicht ernst genommen? Warum hast Du nicht gegen ihn gekämpft? So wie sonst auch. Wie konntest Du das nur zulassen?!

Ich möchte Dir all diese Vorwürfe an den Kopf werfen, Dich so lange mit ihnen quälen, bis Du die Augen endlich wieder öffnest und mir sagst, dass ich aufhören soll, Dich damit zu sekkieren, wie Du es mir in den letzten Monaten so oft gesagt hast.

Ich will Dich damit provozieren, will dass Du Dich mit mir streitest. Das hast Du doch so gerne gemacht, mit mir streiten. Hast mich oft in den Wahnsinn getrieben mit Deinen Sticheleien und Deinem Bedürfnis, alles lautstark ausdiskutieren zu wollen. Und jetzt, wo ich von mir aus dazu bereit bin, jetzt kneifst Du, gibst mir einfach keine Antwort. Gib mir eine Antwort! Ich verlange eine Antwort von Dir, die schuldest Du mir. Hab den Anstand und beantworte mir diese letzten Fragen! Bitte. Ich flehe Dich an.

Ich drücke Deine Hand so fest, wie ich mich nur traue, aber je länger ich sie festhalte, desto kälter wird sie. Diese Hand wird nie wieder auf einen Händedruck reagieren. Sie wird keine Briefe und keine Geburtstagskarten mehr schreiben, keine neuen Weintraubenstöcke mehr pflanzen und keinen Apfelstrudel mehr backen. Sie wird sich niemals wieder vor Ärger oder Schmerz zu einer Faust ballen oder liebevoll den Hund streicheln.

Diese letzten Fragen, die ich an Dich gerichtet habe, Du wirst sie mir nicht mehr beantworten, so sehr Du das vielleicht auch gerne tun würdest. Doch ein Blick in Dein Gesicht gibt mir eine sehr viel ausführlichere Antwort, als mir lieb ist. Ich habe einige auf ihrem Sterbebett begleitet, öfter und unverhoffter, als ich mir hätte vorstellen können, doch sie alle hatten im Tode letztendlich einen Gesichtsausdruck des Friedens oder zumindest der Akzeptanz. Aber Dein Gesichtsausdruck, er ist so völlig anders, er spiegelt Entsetzen und große Qualen wider. Wohl noch viel größere Angst und Schmerzen, als Du in den letzten Jahren und vor allem Monaten ohnehin ertragen musstest.

Die Krankenschwestern haben Deinen Kopf eingebunden, wohl um zu verbergen, dass Du mit weit aufgerissenem Mund gestorben bist. Mit einem letzten Schmerzensschrei, der so laut gewesen sein muss, dass er sich für alle Ewigkeit auf Dein Gesicht eingebrannt hat.

Der Tod ist in der Nacht gekommen. Doch wie immer hast Du Dich mit Händen und Füßen gegen ihn gewehrt. Du hast ihn längst hinter der Ecke lauern sehen, wie so oft, und sehr wahrscheinlich wusstest Du ganz genau, dass es diesmal der letzte Kampf sein würde, doch Du hast scheinbar nicht aufgeben wollen, hast so lange gegen ihn und die Schmerzen angekämpft, bis Du nicht mehr konntest.

Du warst alleine in dieser dunklen Nacht, ich war nicht an Deiner Seite, wie ich es hätte sein müssen. Ich wähnte Dich hier in guten Händen, hatte darauf vertraut, dass Du auch diese Runde gewinnen würdest. Du, die Unbesiegbare. Ich war nicht an Deiner Seite in dieser dunklen Nacht, weil ich darauf vertraut hatte, dass wie immer alles wieder gut werden würde. Eingelullt in grenzenlose Hoffnung und Zuversicht.

Die Antwort auf meine Fragen, ich kann sie in Deinem Gesicht ablesen. Du warst auf ihn vorbereitet, hast ihn kommen sehen und gegen ihn angekämpft, obwohl Du wusstest, dass Du diesmal verlieren würdest.

Der Tod, er hat nur mich ausgetrickst. Ich hatte ihn nicht auf meiner Liste, konnte ihn nicht hinter der Ecke lauern sehen so wie Du, wohl weil ich ihn nicht sehen wollte, und hätte ich ihn doch wahrgenommen, so hätte ich in ihm keinen ebenbürtigen Gegner erkannt, hätte ihn verhöhnt.

Wegen meiner Ignoranz musstest Du die letzten Stunden alleine verbringen, die Schmerzen ganz alleine ertragen. Just in diesen letzten Stunden war ich nicht an Deiner Seite, obwohl ich so viele schwere Momente mit Dir geteilt habe.

Es tut mir leid, Mama, ich habe mich hinters Licht führen lassen, ihn nicht ernst genommen, schon geplant, wie wir unser Leben nach Deiner Entlassung aus dem Spital organisieren werden. Ich, ein Mensch, der immer nur in der Gegenwart, nur gelegentlich in der Vergangenheit lebt, aber so gut wie nie an morgen denkt, habe im Geiste eine Zukunft geplant, die es nun nicht mehr geben wird, nie gegeben hat.

Gerne würde ich ihn zur Rede stellen, den Tod, ihn herausfordern, doch obwohl er immer unter uns ist, wird er mir diesen Wunsch wohl hier und heute nicht erfüllen.

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